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      Wenn ein Premierenpublikum lange begeistert und voller Hochachtung stehend
      den Akteuren auf der Bühne applaudiert, dann muss etwas Besonderes passiert
      sein. Die selten präsentierte Oper „Die Passagierin“ beeindruckt außerordentlich
      auf ganzer Linie im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Regie führte
      Gabriele Rech.

      Es geht hauptsächlich um die Begegnung zweier Frauen, Anna-Lisa Franz
      (Hanna Dora Sturludottir) und Marta (Ilia Papandreou), auf einer Schiffsüberfahrt
      1960 nach Brasilien. Lisa ist mit ihrem Mann Walter (Kor-Jan Dusseljee) unter-
      wegs, der dort eine Stelle als Botschafter antreten soll. Sie hatte ihm bisher
      verheimlicht, im KZ Auschwitz als Aufseherin an der Massenvernichtung beteiligt
      gewesen zu sein. Marta war eine ihrer Lagerinsassen, die sie für ihre Zwecke
      hinterhältig gewinnen wollte. Unerwartet überlebte Marta und begegnet Lisa nun
      überraschend auf hoher See. Diese hatte ihre Aufseher-Vergangenheit eigentlich
      vergessen wollen. Nun holen sie ihre Gedanken an Auschwitz wieder ein. Walter
      verlangt Aufklärung und bekommt sie nur widerwillig. Lisa ist völlig verwirrt. Sie
      war doch keine Verbrecherin und hat doch nur getan, was das Nazi-Regime
      verlangte. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Da gibt es auch noch
      Tadeusz (Piotr Prochera), den Verlobten von Marta, der ebenfalls im Lager
      inhaftiert war und nicht überlebte, u. a. weil er sich von Lisa und den anderen
      Nazis nicht instrumentalisieren ließ, sondern lieber stolz dem Tod entgegen
      blickte. In einer Schlüsselszene, einem befehligten Geigen-Solo vor seinen
      Peinigern, spielt er ganz wundervoll live ein Stück von Bach auf einer Geige,
      ehe er hingerichtet wird.

      Die Inszenierung ist ein sehr harter Stoff, der aber genial umgesetzt wurde. Die
      Vorlage ist die Novelle „Die Passagierin“ von Zofia Posmysz, die als Gefangene
      selber Auschwitz überlebt hat. Sie ist 93 Jahre alt und war bei der Premiere in
      Gelsenkirchen anwesend, eine beeindruckende und intelligente Frau, die vom
      Publikum auf der Bühne hochachtungsvoll geehrt wurde. Musikalisch umgesetzt
      hat den Stoff Mieczyslaw Weinberg auf eine sehr feinfühlige Art und Weise, die
      Wut, Hoffnung, Verzweiflung und den braunen Terror exakt wiedergibt. Es ist
      eine sehr fragil-rhythmische Partitur. Die Komposition klingt leise, laut, flehend,
      drohend und auch dramatisch, klasse gespielt von der Jungen Philharmonie
      Westfalen, und wunderbar unterstützt von Opern- und Extrachor.

      Die gesamte Oper spielt in einem Bühnenbild (Dirk Becker), das sich kaum
      verändert und doch die beiden Parallelwelten des Ozeanriesen und des KZ
      Auschwitz passend widerspiegelt. Oft agieren beide Zeitepochen zeitgleich. Lisa
      wechselt dabei zwischen ihrer Rolle als KZ-Aufseherin und die der Ehefrau.
      Kaum tanzt sie mal an Bord, erscheinen die Lagerinsassen in Lumpenkleidung,
      sinnbildlich als dunkle und verdrängte Erinnerung. Die Kombination aus beiden
      emotional sehr verschiedenen Welten ist klasse gelungen. Man lauscht
      erschüttert und völlig konzentriert den Ausführungen der Häftlinge, wird quasi mit
      ins KZ hinein gezogen. Sie flehen, beten, hoffen auf ein Überleben, resignieren,
      erfreuen sich an einer Kerze als Lebenslicht und halten immer zusammen. Sie
      schwören sich, ihren Peinigern niemals zu verzeihen. Zofia Posmysz sagte im
      Anschluss auf der Premierenfeier, dass man die Greultaten der SS niemals auf
      der Bühne real zeigen kann, höchstens in einem Film, der äußerst brutal sein
      muss. Trotzdem wirken die Darstellungen extrem berührend und mahnend. Dazu
      trägt ebenfalls die „Schwarze Wand“ bei. Sie war im KZ der Hinrichtungsort, von
      dem auch Lisa wusste. In der Oper spricht diese Wand durch den Chor aus dem
      Hintergrund. Dabei klärt sie auf, mahnt und wirkt auch auf Lisa ein. Während-
      dessen schweigt Walter als stiller Beobachter. Lisas Frage „Walter, warum
      sagst du nichts?“ lässt sie innerlich verzweifeln.

      Es ist wirklich eine extreme Herausforderung für die Akteure, eine solche KZ-
      Rolle zu mimen, wenn man das brutale Geschehen dort nicht erlebt hat. Die
      Aufseher berichten von den Problemen, die vielen Leichen wegzuschaffen, wäh-
      rend die noch lebenden Insassen um ihr Leben flehen. Während Deutsch die
      hauptsächliche Sprache auf der Bühne ist, singen die Insassen auch in den
      Sprachen ihrer ehemaligen Herkunftsländer, also Polnisch, Französisch,
      Tschechisch, Jiddisch und Englisch, was die Handlung authentischer wirken
      lässt. Die Übertitel sind permanent in Deutsch. Dabei wird nichts theatralisch
      übertrieben, auch nicht die sehr passenden Kostüme (Renèe Listerdal), jeweils
      im Stil ihrer Zeit. Ein lebendiger Schäferhund wird ab und an mal von einem
      unschuldigen Mädchen über die Bühne geführt, um zu verdeutlichen.

      Für den Intendanten Michael Schulz ist „Die Passagierin“ einer wichtigsten
      Aufführungen seiner Amtszeit. Dafür hat er sogar den Spielplan umgeschmissen.
      Wer sich die Vergangenheit nicht permanent vor Augen führt, der kann die
      Zukunft nicht gestalten. Für einen Thüringischen Fraktionsvorsitzenden und
      seine Gesinnungsfreunde am rechten Rand, sowie für einen US-Präsidenten
      wäre diese Oper als Mahnung und historische Nachhilfe sehr angebracht, oder
      denken sie wie Lisa und verdrängen lieber?

      Die KZ-Überlebende und Autorin des Romans, Zofia Posmysz, legt jedenfalls
      großen Wert darauf die Dinge nicht zu vergessen statt nicht zu vergeben.
      Humanismus, Achtung vor Anderen und Respekt sind und bleiben wichtige
      Werte. Sie war es auch, die auf der Premierenfeier mit einem sehr bemerkens-
      werten Satz selbst dem Generalintendanten feuchte Augen bereitete. „Das
      hört sich irgendwie paradox an, aber es hat sich gelohnt zu überleben, damit ich
      heute Abend so etwas sehen kann.“ Größere Worte kann man für diese
      Operninszenierung nicht finden.

      Das umfangreiche Rahmenprogramm bietet u. a. einen Konzertabend mit den
      Songs der Comedian Harmonists und Ausstellungen zum Thema. In Foyer des
      MiR sind ebenfalls zwei bemerkenswerte Ausstellungen zum Inhalt des Stücks
      und zur Nazi-Vergangenheit der Theaterkultur in Gelsenkichen zu erleben.
      Augen auf, um mit Sarah Connor zu sprechen, in jeder Hinsicht.

      Datum: 28. Januar 2017 (Premiere)

      www.musiktheater-im-revier.de