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Oper 'L'Orfeo' im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen
Die spannende Inszenierung der Oper „L'Orfeo“ beweist erneut, dass man in Gelsenkirchen keine Angst vor unbekannten Pfaden hat. Giuseppe Spota, Direktor der MiR Dance Company, hat alle Sparten des Musiktheaters im Revier auf die Bühne geholt und geschickt miteinander verknüpft. Seine Handschrift ist deutlich zu lesen. Unterstützt wurde er von der Regisseurin Rahel Thiel.

Wenn die MiR Dance Company, das MiR Junges Ensemble, das Opernstudio NRW, das MiR Opernensemble, das MiR Puppentheater und die Neue Philharmonie Westfalen gemeinsam ein stofflich antikes Opernprojekt unter der Leitung eines gelernten Tänzers angehen, dann muss etwas sehr Außergewöhnliches dabei herauskommen. Das tut es, denn die gewohnten Sehgewohnheiten einer Oper muss man schnell vergessen. Stilistisch ist das Ergebnis eine getanzte Oper mit gefühlt untergeordneten Gesangseinlagen, sehr schönen Chorszenen, klasse Puppenspielern, einem eher technisch basierten Bühnenbild, einem hervorragenden Orchester und szenisch klar dominierenden Tanzeinlagen.

Die Handlung ist durchaus ein wichtiger Bestandteil dieser Inszenierung, doch ist es eher eine abstrakte Darstellung, die nicht immer klar erkennbar ist. Man sollte den Inhalt ungefähr im Kopf haben. Im Vordergrund steht nämlich die Ästhetik der Darbietung und die ist wie abstraktes Gemälde mit teils surrealen Pinselstrichen. Nicht nur die toll gelungenen Kostüme der Tänzer sind nicht von dieser Welt, auch das sehr gelungene Spiel mit dem Licht und dem Wasser faszinieren optisch. Man wird in eine Welt hineingezogen, die man so richtig nicht einordnen kann, die einen nicht loslässt.

Dass die Solisten ihre Rollen nicht so stark herausarbeiten können, das liegt eindeutig an den sehr ausgedehnten Tanzeinlagen der MiR Dance Company. Die Mitte der Bühne wird vor der Pause zur Tanzfläche, während die SängerInnen jeweils seitlich auf Metallgerüsten stehen und das Geschehen stimmlich und inhaltlich begleiten. Wie schwarze Vögel des Todes deuten die tanzenden Akteure schon zu Beginn das bittere Ende an. In den modernen Ausdruckstanz mischt sich dabei hier und da auch ein klassisches Ballettelement, neben sehr kreativen Tanzeinlagen, z.B. mit Gummistiefeln. Man interpretiert hervorragend die wunderschöne Partitur. Mittelalterlich eher etwas leisere Musik und modern-dynamische Tanzszenen passen durchaus gut zusammen.

Lauscht man der Neuen Philharmonie, so sollte man es genießen, denn einen solch mittelalterlichen Klang hört man nur selten. Der musikalische Leiter Werner Ehrhardt versteht es ausgezeichnet, die Zuhörer in eine Zeit zu versetzten, die mehrere Jahrhunderte zurückliegt. So ähnlich muss es bei Claudio Monteverdi bei der Uraufführung 1607 geklungen haben, Fanfaren der Bläser inklusive. Viele alte Instrumente lassen aufhorchen, so auch Vertreter von Theorbe, Gambe, Harfe, Cornetto oder Posaune. Blickt man in den Orchestergraben, so reibt man sich verwundert die Augen, ob der ungewohnten Instrumente.

Eine tolle Idee war es, die Puppenspieler des Hauses mit in die Inszenierung einzubeziehen. Daniel Jeroma, Marharyta Pshenitsyna, Merten Schroedter und Seth Tietze führen, ganz in Schwarz gehüllt, meisterhaft die Puppengestalt der Euridice, die in drei Größen auftritt. Es wirkt sehr gekonnt, wie sie die Holzpuppen ausdrucksstark und lebensecht führen, ohne dabei selbst besonders aufzufallen.

Erst zum Ende hin nimmt die Inszenierung eine eher opernhafte Gestalt an. Khanyiso Gwenxane als Orfeo und Bele Kumberger als Euridice können hier ihr eigentliches Stimmvolumen andeuten. Selbst das Bühnenbild verändert sich zu einem gestaffelten Himmelstor. So bekommen BesucherInnen mit klassischen Opernerwartungen doch noch annähernd das, was sie sich vorstellen. Hier tritt die MiR Dance Company bewusst in den Hintergrund, ehe sie das Finale wieder für sich hat.

Diese Inszenierung des L'Orfeo ist wirklich von außergewöhnlicher Art. Inhaltlich durchaus ausführlich konzipiert, spielen jedoch ästhetische Aspekte eher die Hauptrolle. Auf der Bühne ist es niemals langweilig. Optische Fixpunkte sind zahlreich eingearbeitet und das mittelalterliche Orchester ist es ein wahrer Ohrenschmaus.

Datum: 22. Oktober 2020

www.musiktheater-im-revier.de