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Schauspiel 'Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Herbert Nolan' im Schauspielhaus Bochum
Mit dem Stück "Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Herbert Nolan" geht das Schauspielhaus Bochum in die unfreiwillige Corona-Zwangspause. Es ist ein typisch amerikanisches Thema. Es geht um Hass, Fake-News und Waffen, dargeboten von den Schauspiel-Studierenden des 4. Jahrgangs der Folkwang Universität der Künste.

Der Stoff von Stefano Massini wurde von Thomas Dannemann mit zehn Studierenden sehenswert inszeniert. Ort des Geschehens war die Zeche Eins (Theaterrevier), eine Außenstelle des Schauspielhauses. Durch Corona bedingt hatten ganze sechs Zuschauer das exklusive Vergnügen, sich diesen dreistündigen Gerichtsprozess anzusehen, eine sehr skurrile Situation.

Ausgangspunkt der wahren Geschichte ist Leicester County, ein kleiner Ort mit ein paar Farmern. Hier passiert wirklich nichts. Nicht mal ein Pferdedieb hat sich jemals hier hin geschlichen. Als ein harmloser Fremder 1956 des Weges kommt und durstig um Wasser bittet, erschrickt die 20jährige Enkelin eines 80jährigen Opas so sehr, dass sie laut schreit und ihr Kopftuch verliert. Sofort blickt der Alte auf, zückt sein Gewehr und feuert vier Schüsse ab. Der Fremde sinkt zu Boden und stirbt, der 80jährige wenig später. Was folgt ist Jahre später ein Gerichtsprozess mit zehn Geschworenen, Staatsanwälten, Anwälten, Zeugen und einem Richter.

Das Stück zeigt deutlich das stetige Dilemma auf, wertfrei Urteile zu fällen, ohne persönliche Vorurteile oder Sympathien einfließen zu lassen. Indirekt geht dabei auch um das Wahlverhalten der Wähler bei US-Wahlen, beeinflusst durch Fake News. Natürlich stürzt sich die Lokalzeitung sofort und ausführlich auf den Fall. Schnell wird aus dem harmlosen Fremden ein gefährlicher Ex-Häftling, der vor 27 Jahren entlassen wurde. Er soll der jungen Dame sogar das Kopftuch heruntergerissen haben, um sie zu vergewaltigen. Später heißt es sogar, dass er sie ausgezogen hätte. Die Wahrheit treibt wahrhaft bunte Blüten.

Pikant an der Sache ist, dass der Herausgeber der Zeitung, der Angeklagte Herbert Nolan, zugleich Anteilseigner an der örtlichen Waffenfabrik ist. Nach dem Mord schnellen die örtlichen Waffenverkäufe deutlich hoch und auch die Zeitung verkauft sich wesentlich besser mit rassistischen und gemeinen Unwahrheiten. Eine einfache missverständliche Begegnung mit tödlichem Ausgang wäre nur eine kleine Schlagzeile gewesen. Kann man ihm diese perfide Marketingstrategie strafrechtlich nachweisen?

Mit klaren und bissigen Fragen versucht die Staatsanwaltschaft die reine Wahrheit ans Licht zu bringen. Hat Nolan bewusst die Tatsachen verdreht? Welche Rolle spielt dabei seine Redakteurin? Bekam sie die Anweisung, reißerische Fake News in die Welt zu setzen? Auch sie wird durch geschickte Fragen in die Enge gerieben. Selbst die einzige Augenzeugin des Mordes, die Enkelin, kann sich nur blass erinnern. Als Zeuge auch mal eine Waffe in Richtung Staatsanwalt zu richten, das kommt vor. Wie glaubwürdig sind Zeugenaussagen grundsätzlich? Zwischendurch tritt immer wieder der Zwist innerhalb der Geschworenen hervor. Man ist sich nicht einig, was die US-Gerichtsbarkeit grundsätzlich nicht einfach macht, denn das Urteil der Geschworenen hat Gewicht.

Schließlich wird immer wieder hinterfragt, warum es in den USA so viele Waffen gibt. Zweidrittel wollen sich damit nur verteidigen. Die gleiche Prozentzahl würde es gut heißen, wenn auch LehrerInnen bewaffnet wären. 40 % der männlichen US-Amerikaner haben stets eine Pistole griffbereit, 30 % der Frauen. Sogar 40 % kennen jemanden, der erschossen wurde, und jeder fünfte wurde bereits bedroht. Für viele US-Amerikaner ist eine Waffe ein Stück persönliche Freiheit. So wird auch in diesem Stück nicht selten eine solche gezogen. Hier und da wird es sehr laut. Der Wilde Westen lässt nicht nur optisch grüßen, sondern auch akustisch.

Ein wichtiger Aspekt des Stücks ist das Thema Angst. Nicht nur mit Waffen versetzt man sein Gegenüber in Angst. Angst ist ein sehr gutes Verkaufsargument. Nolan handelt clever, indem er einen harmlosen Fremden als gefährlichen Eindringling bezeichnet. Das treibt die Auflagen seiner Blätter in die Höhe. Schürt man die Angst, so geht bei vielen sofort das Kopfkino an. Eine geschickte Andeutung genügt. Man sieht, was man sehen möchte, einen gefährlichen Ausbrecher oder Terroristen. Die Fremdenfeindlichkeit bei uns entsteht ganz ähnlich, sobald irgendwo ein Ausländer eine Straftat begeht. Diverse Medien reagieren heute nicht anders als Nolan damals. Schließlich decken sich die Einwohner von Leicester County reichlich mit den von Nolan redaktionell angepriesenen Waffen ein, ein lukrativer und gewollter Nebeneffekt. Letztendlich stellt sich die Frage, wie das Schild "Quiet Place" an der Hauptstraße zu deuten ist. Es ist wohl die Ruhe durch brutale Abschreckung, die künstlich erzwungen wurde.

Schauspielerisch können die jungen Studierenden sehr überzeugen. Sie übernehmen oft wechselweise diverse Rollen. Umgezogen wird sich am Rande der Bühne. Die Percussion, also den Soundtrack zum Stück, übernehmen sie ebenfalls mit diversen Hilfsmitteln. Angehende SchauspielerInnen sollten auch singen können. Stimmlich können sie überzeugen, wie bei "Bang Bang" oder als Geräuschechor im Hintergrund. Auf der Bühne standen Calvin-Noel Auer, Nadja Bruder, Fabian Hagen, Carlotta Hein, Annelie Korn, Leon Rüttinger, Pujan Sadri, Linus Scherz, Clara Schwinning und Rosalia Warnke.

Datum: 31. Oktober 2020

www.schauspielhausbochum.de