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Schauspiel 'Noise. Das Rauschen der Menge' im Schauspielhaus Bochum
Mit der letzten Premiere der Spielzeit hat das Schauspielhaus Bochum noch einmal ein Ausrufungszeichen gesetzt. „Noise. Das Rauschender Menge“, ein Solostück mit der großartigen Gina Haller, konnte auf voller Linie in den Kammerspielen überzeugen. Text und Regie stammen von der chilenischen Autorin Manuela Infante. Das Stück wurde bewusst für Gina Haller geschrieben.

Es gibt gesellschaftliche Situationen, in denen die Menschen gegen untragbare Umstände aufbegehren. Oftmals sind es politische Wirrungen diverser Machthaber. Dann ist es wichtig soziale Ungerechtigkeiten angehen, laut zu werden und eine Masse zu bilden. Lärm wird so vom unerwünschten zum notwendigen Geräusch der Masse. In Chile war das 2019 der Fall. Vorwiegend junge Leute gingen auf die Straße. Auf einem zentralen Platz demonstrierten sie friedlich für eine Lebenswerte Demokratie. Zu sehen waren jedoch nur noch Trümmer einer Gesellschaft, die ums Überleben kämpfte. Ganz perfide reagierte die Staatsmacht. Man feuerte den Leuten mit Gummigeschossen und scharfer Munition bewusst in die Augen. Hunderte müssten in der Augenklinik, die Geschosse herausoperiert werden. Sie sollten entmutigt werden und bewirken doch nur das Gegenteil.

Was Massenproteste alles bewirken, das zeigt Gina Haller in ihrer wundervoll gespielten Solorolle. Sie allein ist die Barrikade gegen die Staatsmacht, die dabei aber doch wie eine Masse wirkt, weil sie in einer Geschichte gleich viele Geschichten erzählt. Alle diese Figuren wollen die Verhältnisse einreißen oder nehmen sie von außerhalb wahr. Mal spielt das Geschehen in der chilenischen Augenklinik, mal auf dem Platz und sogar in ihrer privaten Schweizer Heimat, wo eine Person Nachrichten von den Protesten hört. Schön, wenn sie so eine nette Andeutung von Schweizerdeutsch anklingen lässt. Es geht um Gerüchte, die sich inhaltlich verändern und weiter getragen werden. Gerüchte verbreiten eine Revolution. Was ist wahr? Was ist im Wald mit den beiden Journalistinnen passiert, die von den Protesten berichten wollten? Eine spannende Soundkulisse (Diego Noguera) verkörpert die Anspannung der Masse und die der Staatsmacht so gut, dass man sich beinahe selbst als einer der Protestierenden sieht. Man lauscht gebannt der Situation inklusive spannendem Kopfkino, denn die brenzlichen Situationen werden von Gina Haller hervorragend verkörpert. Drohnen über dem Platz, sogenannte Moskitos, hören die Menschen ab. Kein Satz ist folglich so gemeint wie er klingt. Mit Nebel wehrt man sich gegen die Drohnen. Die Polizei setzt hingegen „The Scream“ ein, ein Lärminstrument, das Ohrenscherzen oder Übelkeit bewirkt, Verletzungen die man sieht nicht. Man ging in der Realität später dazu über, Gummigeschosse durch perfide Schallwaffen zu ersetzen. Lärm wird mit Lärm beantwortet.

Ein ganz besonders gelungener Aspekt des Stücks ist das Gespräch mit sich selbst, mittels der Loop-Technik. Gina spricht quasi mit sich selbst als Dialogpartnerin. Einige Zeilen zitiert sie live in das Gerät hinein, andere sind bereits einprogrammiert. Schon alleine diese Dialoge mit einer Maschine auf den Punkt zu bringen, ist eine großartige Leistung. Gina Haller muss genau die Lücken treffen, die der technische Gegenpart ihr bietet, Emotionen, Körpersprache und Mimik inklusive. Sie ist eben einer Größten und Besten der deutschen Schauspiellandschaft und meistert diese außergewöhnliche Herausforderung ausgezeichnet.

Wut ist Haltung. Das trifft auf jeden Fall zu. Dabei spielt das Ohr eine wichtige Rolle, eine warnende. Ist man blind, so wird der Körper zum Klangkörper. Selbst noch so kleine Geräusche können als Folter dienen, z.B. der stetige Wassertropfen in der Gefängniszelle. Das Stück ermuntert uns auch mal darüber nachzudenken.

Ein großes Lob geht abschließend auch noch an Rocio Hernández für das tolle Bühnenbild, die passenden Kostüme und das klasse konzipierte Licht, inklusive der vier Straßenlaternen.

Besser und innovativer kann man ein Solo-Stück kaum darbieten. Man ist 90 Minuten lang Beobachter eines Massenprotests, der klasse inszeniert und gespielt wird. Das Stück wird als Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit zu sehen sein.

Datum: 2. Juli 2021

www.schauspielhausbochum.de