abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Wolfgang Neukirchner (1923-2017) war ein Kind des Ruhrgebiets. Jeder kennt
      mit Sicherheit seine kreative Schaffenskraft für die Blütezeit des deutschen
      Schlagers, doch sein kurzzeitiges Engagement für die Fotografie ist recht
      unbekannt, jedoch sehr sehenswert. Die Stiftung Zollverein zeigt im Rundein-
      dicker auf Zollverein die klasse Ausstellung "Sie sind so leer, die Straßen",
      25 Ruhrgebietsfotos aus seiner Serie von 1965.

      Alles begann mit einem Treffen der beiden Museumsleiter Theo Grütter (Ruhr
      Museum) und Manuel Neukirchner (Deutsches Fußballmuseum Dortmund),
      Wolfgangs Sohn. Manuel Neukirchner hatte seinem alten Vater zuvor einen
      Chargesheimer-Bildband gezeigt. Diese Fotos hätte er auch gemacht, entgeg-
      nete er seinem Sohn, der vollkommen überrascht war. Dieser suchte und fand
      die rund 50 Dias im Keller des Elternhauses in Bredeney. Er zeigte sie Theo
      Grütter, der begeistert war. Man vereinbarte eine Ausstellung. Das war vor 18
      Monaten.

      Eigentlich war Wolfgang Neukirchner an nur zwei Wochenenden 1965 wirklich
      mit seiner Kamera an den Stadträndern von Essen, Gelsenkirchen und
      Oberhausen unterwegs. Er wollte seinen Liedtext "So leer sind die Straßen"
      visualisieren. Zeigen wollte er sie nie. Wie sein anfängliches Engagement für die
      Musik war auch sein fotografisches Talent ohne kommerzielle Hintergedanken.
      Zunächst lebte er in Essen-Altenessen, wo auch sein Sohn Manuel sechs Jahre
      lang aufwuchs. Die Fotos waren für ihn vertraute Heimat. Auch wenn sie heute
      fremd wirken, sie transportieren eine positive Stimmung. Man hielt noch
      zusammen. Die Kohlekrise 1965 war auf ihrem Höhepunkt. Er hatte den wirklich
      ausgezeichneten Blick für seine Region.

      Die Leere ist toll in Szene gesetzt. Man entdeckt leere Straßenbahngleise, eine
      Konsumanstalt, Kneipenecken, baulich nicht fortgeführte Häuserzeilen, Hinter-
      häuser mit wehenden Wäscheleinen oder Notunterkünfte und Baracken. Große
      Pfützen prägten die Straßen, während der Gasometer Oberhausen als Silhouette
      den Horizont prägt. Arbeiterhäuser lagen vor der Zeche oder direkt an der Bahn-
      strecke und Kinder spielen im Hintergrund auf der Straße oder auf Brachen. Die
      Fotos zeugen nicht von Reichtum, wirken dabei aber nicht trist oder negativ.
      Kriegsschäden sind in Baulücken zu erkennen und Kühltürme stehen mitten im
      Wohngebiet. Einzelne Männer gehen zur Arbeit. Schatten werfen die Gebäude
      keine. Die Sonne schien verhangen gewesen zu sein. Die Atmosphäre und den
      Geruch dieser Nicht-Postkartenidylle möchte man mal gerne live erleben. Per
      Köpfhörer kann man in der Ausstellung den Song zum Ausstellungstitel hören,
      "Sie sind so leer, die Straßen". Die Sängerin ist leider nicht bekannt.

      Zur Person Wolfgang Neukirchner könnte man eine ganze Ausstellung machen.
      Er war ein Tausendsassa mit vielen Talenten. Hauptberuflich war er ein trockener
      Verwaltungsrichter in Gelsenkirchen. Abseits davon war sein Leben bunt. Schon
      seine Eltern waren Künstler. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Endvier-
      zigern tourte er mit dem Kabarett-Ensemble die "Amnestierten" durch ganz
      Deutschland und Europa. Er war der Kopf und zugleich Vorbild für Größen wie
      Dieter Hildebrand und Hanns-Dieter Hüsch. Neukirchner gab den Menschen in
      den Trümmern das Lachen zurück. Musikalisch jazzte er schon heimlich in der
      Nazizeit mit Mitschülern. Nach Kriegsende verband ihn eine enge Zusammen-
      arbeit mit dem Schlagersänger Ralf Bendix, sein Klassenkamerad. Man jazzte
      ganz unkommerziell zusammen und hatte Spaß. Gemeinsam entstanden aber
      auch Hits wie "Es gibt kein Bier auf Hawaii" oder "Schaffe, schaffe, Häusle
      baue". Über Bendix kam die Verbindung zu Paul Kuhn. Klassiker der Literatur
      wurden immer wieder verjazzt, nicht ohne Rundfunkskandale. Eines Tages kam
      u. a. ein junger Sänger mit markanter Stimme dazu, der mit Cover-Versionen
      von Freddy Quinn tourte. Wolfgang Neukirchner verpasste ihm eine blonde
      Perücke, eine Sonnenbrille und ein Image als Volksbarde. Heinos Karriere
      begann. Die Texte für die vielen Hits von Heino kamen von ihm.

      Im begleitenden Ausstellungsbuch (Verlag der Buchhandlung Walther König)
      sind nicht nur die stilistisch schönen Fotos enthalten, sondern auch ein toller
      Text von Manuel Neukirchner über das spannende Leben seines Vaters. Er
      verstarb leider im Oktober 2017.

      Manuel Neukichner führt während der Extraschicht (30.6., 19.30/21 Uhr) und am
      Welterbetag (3.6., 16 Uhr) persönlich durch die Ausstellung.

      Laufzeit: 10. März bis 1. Juli 2018

      www.zollverein.de