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      Mit "Moskau, Tscherjomuschki" von Dimitri Schostakowitsch zeigt das
      Musiktheater im Revier (MiR) eine unterhaltsame Operette, die von Dominique
      Horwitz modern und unterhaltsam inszeniert wurde.

      In den 1950er-Jahren herrscht im kommunistischen Moskau Wohnungs-       mangel. So sind die staatlichen Werkswohnungen in Trabantenstädten sehr
      begehrt, im Gegenzug für harte Arbeit und absolute Unterwürfigkeit. Horwitz
      verlegt die Trabantenstadt in den Keller der Fabrik, ausgestattet mit viel zu
      wenigen Etagenbetten für alle. Das Arbeitskollektiv zählt, nicht das Individuum.
      Die Situation wirkt ähnlich einer Strafkolonie. Die Arbeiter erhalten von den
      Aufsehern zu Arbeitsbeginn und für die Freizeit täglich jeweils eine Glücks-
      pille, um ihre Situation zu ertragen. Das steigert die Produktivität und die
      Laune. Der Allmachtsanspruch Russlands soll bis in alle Enden der Welt zu
      spüren sein.

      Wie geht man mit einem Stoff um, dessen Zeit wir nicht erlebt haben?
      Horwitz macht es sehr geschickt. Er bezieht die Unterbühne als Wohnraum
      mit ein. Oben wird geschuftet, gekleidet in orangen Arbeitsanzügen, die von
      der Decke einschweben, wie auf dem Pütt. Alle sind gleichgeschaltet. Wer
      Karriere machen möchte, der muss gute Beziehungen und Verbindungen
      haben. Ein Scheinchen hier und da oder ein Liebesdienst können ebenfalls
      nicht schaden. Individualisten werden zu konformen Individuen einer von
      Staatswegen nahezu gleichgeschalteten Gesellschaft, grotesk, bunt und
      ironisch dargestellt. Trotz der Glückspillen erkennen die Arbeiter ihre Situation
      sehr wohl. Wozu ging man eigentlich zur Schule, um hier zu landen? Ihnen
      klingelt es in vielen Situationen des Alltags in den Ohren. Sehr bildhafte
      Darstellungen, fast schon Zirkuskostüme und ein regelrechter Farbrausch
      begleiten die Träume von einem besseren Leben. Bis zu 30 Personen sind
      gleichzeitig auf der Bühne. Es sind märchenhaft dargestellte Träume eines
      Kollektivs, das sich schließlich doch in ein "Bitter, bitter, weiter so" fügt.

      Die musikalische Leitung der Neuen Sinfonie Westfalen hatte Stefan Malzew,
      der vor ein paar Tagen noch mit Ute Lemper in New York gearbeitet hatte. So
      viel zum Stellenwert des MiR in der deutschen Theaterlandschaft. Musikalisch
      sehr gut interpretiert werden die russische Seele, beschwingte Operetten-
      melodien, folkloristische Töne oder Fanfaren der Obrigkeit. Zwischendurch
      werden Toncollagen mit Witz und Sätze von Horwitz vom Band eingestreut.
      Auch der Chor kann, neben den Solisten, überzeugen. Schön ist der Ein-
      schub des Balletts, das den Stoff sehr ironisch interpretiert, inklusive des
      Nussknackers.

      Es ist eine modern dargebotene Operette mit gesellschaftskritischem Kontext.
      Parallelen zur Gegenwart sind nicht ausgeschlossen. Die Inszenierung trägt
      eine deutliche Handschrift von Horwitz, ein echter Horwitz, außergewöhnlich,
      anders und extrovertiert. Es sind stets Inszenierungen, die man nicht
      vergisst, man denke nur an "Moi non Plus" in Theater Oberhausen oder
      "Reformhaus Lutter" im MiR. "Moskau, Tscherjomuschki" ist unterhaltsam.
      Die Operette passt in die aktuell sehr in sich im Wandel befindliche
      Bühnenlandschaft.

      Datum: 31. März 2018, Premiere

      www.musiktheater-im-revier.de