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      Was für ein Urknall! "Momo", die erste eigene Choreografie des neuen
      Direktors der MiR Dance Company, Giuseppe Spota, am Musiktheater im
      Revier (MiR), ist eine unfassbare und enorm adrenalinhaltige Kreation, die in
      der Tanzwelt ihre Kreise ziehen wird. Jeder Superlativ ist für dieses sensatio-
      nelle Tanztheater ganz bestimmt nicht zu hoch.

      Giuseppe Spota gilt in der Tanzszene als ein Shootingstar. Seine sehr
      moderne Art, spannende Stoffe in der Ästhetik des 21. Jahrhunderts darzu-
      stellen, kommt in Gelsenkirchen hervorragend an. Mit verantwortlich dafür
      sind seine richtig klasse Tänzerinnen und Tänzer, die das klassische Ballett
      als Grundlage längst hinter sich gelassen haben. Im MiR steht das Tanz-
      theater 4.0 auf dem Programm. Es ist eine tolle, neue Kompanie, die nicht
      nur wunderbar harmoniert und das gesamte MiR positiv befruchtet, sondern
      sich aufmacht, höhere Weihen zu erklimmen, die internationale Champions
      League.

      "Momo" an sich ist schon ein klasse Stoff, der Poesie mit viel aktuellem
      Bezug mitbringt. Bereits vor Beginn der Choreografie befinden sich die
      Akteure auf der Bühne, die weiße Plastikstühle als Requisiten ziert. Man
      hüpft, tanzt, stampft rhythmisch auf den Boden und wärmt sich wie ein
      Impro-Theater auf. Schon das macht Freude zuzusehen. Als Momo, zu
      erkennen am gelben Regenmantel, dann in das Zentrum tritt, geht es los.
      Insgesamt vier Akteure schlüpfen abwechselnd in die Rolle der Momo, die
      verhindern möchte, dass die grauen Herren den Leuten weiterhin ihre Zeit
      stehlen und sich den Tresor vollstopfen. Sie ist das kleine Mädchen, das
      allein durch Zuhören in der Lage ist, viele Dinge zu verändern. Jeder kann
      Momo sein, wenn er oder sie es möchte.

      Noch bei der Generalprobe tags zuvor hat man die Länge des Stücks kurz-
      fristig von 70 auf 90 Minuten verlängert, was sehr positiv wirkt. Eine Pause
      gibt es nicht. So ist die Anstrengung für die Akteure enorm. Sie schwitzen
      ordentlich und doch merkt man es ihnen kaum an. Was für eine große
      Leistung! Die ganze Atmosphäre ist unheimlich intensiv und dramatisch. Das
      liegt auch am Soundtrack, den Hollywood tatsächlich nicht besser kompo-
      nieren könnte. Elektronische Klänge mit teils pulsierenden Bässen und
      gelegentlich nicht unüberhörbaren Techno-Einflüssen prägen den Abend
      phantastisch. Zwei Songs stammen von der isländischen Post-Rock-Band
      Sigur Rós. Der gesamte Rest ist in Eigenregie entstanden. Simone Donata,
      Mitglied der Kompanie, kann sich nicht nur hervorragend tanzend bewegen.
      Zusammen mit seinem Bruder Giulio Donata, der in Italien lebt, komponierte
      er, teilweise über Skype, diesen famosen Soundtrack, der evtl. sogar einen
      Preis verdient hätte. Sensationell, was für Talente in der eigenen Kompanie
      so schlummern. Man möchte eigentlich 90 Minuten lang die Augen schließen
      und die Töne genießen, einfach mal abtauchen in andere Welten, doch dann
      würde man jede Menge tänzerische Kreativität verpassen.

      Sich alle diese unzähligen Bewegungen, Schritte und Positionen zu merken,
      das ist ganz große Klasse und spricht für die TänzerInnen. Die von Giuseppe
      Spota aus dem Buch heraus gelösten Situationen sprechen darstellerisch
      für sich, sind selbsterklärend. Die grauen Herren bewegen sich bewusst eher
      verkrampft, während Momo stets harmonisch-kraftvolle Bewegung zelebriert.
      Phantastisch ist die Szene auf dem Schiff. Man spürt als Zuschauer die
      Bewegung des Schiffes auf dem tosenden Meer. Die Gischt peitscht über die
      Railing. Alles das wird ausschließlich tänzerisch und sehr geschickt mit
      Stühlen dargestellt. Sensationell! Der Rest ist nicht minder sehenswert. Die
      Mimik spielt eine ganz große Rolle. Wie man mit ein paar Gesichtszügen die
      Geschichte erklären kann, ist großartig umgesetzt. Unterstützt wird alles
      noch zusätzlich durch das ebenso klasse Licht (Thomas Ratzinger), das
      stets für die perfekte Stimmung sorgt.

      Das Ende ist so außergewöhnlich wie der Beginn. Nachdem die grauen
      Herren ihre letzten athletischen Zuckungen vollführt haben, rollen sie den
      speziellen Tanzboden auf und erschaffen so eine Gebirgslandschaft, hinter
      der sie verschwinden. Was für eine geniale Idee! Momo kehrt als die nach-
      denkliche Siegerin dieses Wettstreits auf die Bühne zurück. Mit Geduld hat
      sie ihr Ziel erreicht. Die Choreografie lebt von vielen solch intensiven Bildern.

      Dieses Tanztheater lässt sich kaum in Worte fassen. Man muss es einfach
      erleben und genießen. Gänsehaut und lange anhaltendes Adrenalin sind
      garantiert. Giuseppe Spota, der auch die Bühne und die schönen Kostüme
      entworfen hat, hat schon mit seinem Erstlingswerk am MiR bewiesen, dass
      er seinem Ruf als Shootingstar voll gerecht wird. Man darf gespannt sein,
      welche Wellen diese Kreation in der Tanzszene schlagen wird. Regional gibt
      es nichts Vergleichbares. Jeder, der zeitgenössischen Tanz dicht am Puls
      der Zeit mag, sollte unbedingt nach Gelsenkirchen kommen.

      Datum: 25. Januar 2020, Premiere

      musiktheater-im-revier.de