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      Nordirland, Belfast! Hier war über Jahrzehnte die Gewalt zu Hause. Das sehr
      gute Schauspiel "Mojo Mickybo" von Owen McCafferty erinnert im Saal 2 des
      Theater Oberhausen an den heißen Sommer 1970 in dieser Stadt, dessen
      Folgen 30 Jahre lange anhaltenden sollten. Regie führte gelungen Emel
      Aydogdu.

      Die Besetzung könnte besser kaum sein. Mojo, gespielt von Lise Wolle, und
      Mickybo, dargestellt von Burak Hoffman, sind Kinder im vom Bürgerkrieg
      geprägten Belfast. Kinder kennen allgemein Freundschaft oder Disharmonie.
      Echter Krieg, mit Toten und Verletzen ist ihnen eher fremd, auch wenn sie
      sich Konflikte ausdenken und Helden sein möchten. So werden der protes-
      tantische Mojo und der katholische Mickybo schnell Freunde, über alle
      religiösen Grenzen hinweg. Die Auseinandersetzungen nehmen sie wahr und
      mehr und mehr in ihren Alltag auf. Gemeinsam kämpfen sie als Bande gegen
      das Böse um sie herum. Da sind der brutale Fuckface, sowie die Väter und
      Mütter der Kinder, die die Realität darstellen. Regelmäßig werden die Neben-
      figuren durch Lise Wolle und Burak Hoffmann dargestellt. Die Rollenwechsel
      werden dabei klar ersichtlich und verwirren nicht. Während der katholische
      Fuckface zu jeder Form von Gewalt bereit ist, sind die Eltern eher die
      Mahner, doch bitteschön aufzupassen, nicht diesem Wahnsinn von Krieg zu
      verfallen.

      Ihre kindliche Freundschaft ist quasi wie eine irreale Brücke über reale
      Grenzen. Immer wieder kommen die familiären Verhältnisse durch. Viel Wohl-
      stand können die Eltern ihren Kindern nicht bieten. Man versucht finanziell zu
      überleben, auch wenn manchmal nicht genug zu essen im Hause ist. Dann
      hilft die Fantasie. Ab nach Australien oder Amerika sind kindliche Spinne-
      reien. Ihre Eltern wissen genau, dass sie aus diesem düsteren Loch, auch
      Belfast genannt, nicht herauskommen werden. Trotzdem träumt man sich
      weg, weit, weit weg, während man ganz real zu räuberischen Kleinkriminellen
      wird. Mojo und Mickybo tasten sich langsam an die Wirklichkeit heran,
      bauen sich sogar eine schützende Bude.

      Es ist jedoch eine brüchige Freundschaft. Als Mickybo Vater etwas zustößt,
      wird es ernst, sehr ernst. Aus gedachten Waffen werden echte. Von da an
      spielt das Stück in der Zukunft. An die außergewöhnliche Freundschaft
      erinnert man sich gegenseitig noch gerne. Die Lebenswirklichkeit in Belfast
      hat sie zwangsläufig zerstört. Ach, wie schön waren doch die unbeschwerten
      Kindertage.

      Wer jemals in Belfast war, der hat diese besondere Atmosphäre in der Stadt
      gespürt, auch nach dem Friedenspakt. Die Furcht vor einem erneuten Auf-
      flackern der Unruhen lässt die Menschen hier vorsichtig sein. Da ist der
      Brexit ein wichtiger Aspekt, eventuell wenig hoffnungsvoll in die Zukunft
      zu blicken. 60% der Protestanten in Nordirland waren für den Brexit, 85%
      der Katholiken dagegen. Das ist möglicher Zündstoff und ein Funke genügt.
      Genau zur richtigen Zeit steht dieses Thema auf dem Spielplan. Es bringt
      die Befürchtungen der Gegenwart, schauspielerisch und szenisch wunderbar
      auf den Punkt. Der kleine Saal zeigt mal wieder seine besondern Qualitäten.
      Glückwunsch an Lise, Burak und Emel für dieses packende Stück.

      Datum: 31. Januar 2020, Theater Oberhausen, Premiere

      www.theater-oberhausen.de