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      Mit dem genial inszenierten Schauspiel "After Midnight" präsentiert das Grillo
      Theater eine Art Musikrevue, die wie ein Denkmal für drei Große der Musik-
      geschichte wirkt: Eric Clapton, Johnny Cash und Leonard Cohen. Regie
      führte der Grillo-Intendant persönlich, Christian Tombeil.

      Wenn der ausverkaufte Saal am Ende komplett stehende Ovationen spendiert
      und rhythmisches Klatschen anstimmt, dann muss etwas Besonderes auf
      der Bühne passiert sein. Es war die Idee von Schauspieler Thomas Büchel,
      der ein Stück zum Thema Eric Clapton, Johnny Cash und Leonard Cohen
      vorschlug, diverse Sucht- und Lebenskrisen inklusive. Was für große
      Musiker und was für ein Thema. Das musste auf die Bühne. Florian Heller
      verfasste es und Christian Tombeil setzte es um, Gänsehaut inklusive.

      Heraus kam ein stationäres Roadmovie, mitten in der amerikanischen
      Einöde, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat, damals als noch ein
      Stahlwerk gab. Die Bar "After Midnight" in Monessen (Pennsylvania), von
      Pattie (Laura Kiehne) geführt, ist zwar eine fiktive Einkehrmöglichkeit, doch
      den trostlos erscheinenden Ort gibt es tatsächlich. Trump versprach hier im
      Wahlkampf das Wiedererblühen der amerikanischen Stahlindustrie. Pattie
      kämpft dagegen um jeden Besucher. Selbst die Live-Musik ihres Partners
      Rick (Philipp Alfons Heitmann) und seiner Band "The Hawks" (Alex Morsey,
      Bastian Ruppert, Hajo Wiesemann, Philipp Zdebel) zieht keinen Gast mehr,
      während Rick noch immer von der Karriere als Rockstar träumt.

      So ist es ein spannender Zufall, dass Cassius (Jan Pröhl) und Norman (Jens
      Winterstein) an diesem Abend hier einkehren und dem "After Midnight" eine
      gewisse Atmosphäre einflößen der sich keiner entziehen kann, irgendetwas
      zwischen einem Hopper-Gemälde, dem "Hotel California" und einem tollen
      Filmklassiker. Cassius gibt sich als reisender Verkäufer von Elektrogeräten
      aus, während Norman behauptet, ein relativ erfolgreicher Schriftsteller zu
      sein, der sich auf Recherchereise befindet. Draußen herrscht ein schreck-
      licher Schneesturm. "Crying is okay here" hängt in Leuchtschrift sehr viel-
      sagend über der Theke, die statt Säften eher Whisky zu bieten hat. Das
      braucht man hier auch, um den Blues des Lebens zu ertragen.

      Das Stück lässt sich etwas schwer kurz in Worte fassen, da es einfach
      extrem spannende Charaktere zu bieten hat, die genial zusammenwirken.
      Sie sind so verschieden und doch aufeinander angewiesen. Reflektieren
      sie ihr eigenes Leben, so kommen tiefe Abgründe ans Tageslicht. Ohne
      Alkohol, Drogen und Waffen ging es nicht. Norman hatte viele Liebschaften,
      aber nur eine echte und kurze Liebe. Was wäre gewesen, wenn er in einzel-
      nen Situationen anders gehandelt hätte? Das gilt für alle hier an der Bar.
      Dabei kommt der besondere Humor nicht selten durch. Das Elend des
      Lebens lässt Leute skurril werden. Ihr Verhalten hat einen gewissen Anflug
      von Humor. In ihren Gesprächen kommen plötzlich Dinge heraus, die viele
      Masken offenbaren, Masken der waren Gesichter. Jeder dieser gebrochenen
      Gestalten trägt seine Dämonen mit sich herum.

      Prägend ist natürlich die Musik des Abends. Die fantastische Band, besteh
      end aus Bass, Hammond-Orgel, Klavier, Schlagzeug und Gitarre, ergänzt
      sich mit dem sehr guten Gesang der schauspielenden Akteure. Es sind tolle,
      tiefgründige Texte. Eric Clapton, Johnny Cash und Leonard Cohen sind und
      waren Musikphilosophen mit allzu menschlichen Abgründen. Rezo
      Tschchikwischwili, als Sheriff, sorgt für die besondere Note zwischendurch.
      Pattie singt auch, ist nicht die "Süße" hinter der Theke. Sie weiß wer sie ist
      und denkt sehr klar. Besonders das Dreier-Medley vor der Pause mit
      "Tears in heaven", "Hurt" und "Famous blue raincoat", ist brillant. Songs wie
      "Wonderful tonight", "I walk the line", "Suzanne", "I shot the sheriff" oder
      "Cocaine" sind nur einige aus der umfangreichen Setlist, die klasse in die
      Story eingebettet ist. Man möchte fast auf die Bühne springen und mit ihnen
      philosophieren. Es ist gefühlt sehr enge Beziehung zum Publikum.

      Was will uns dieses Stück sagen? Jeder hat seine Abgründe. Wir sind alle
      Schuld behaftete und winzige Individuen im riesigen Universum, egal ob
      Lieschen Müller aus Katernberg, der Rechtsanwalt aus Bredeney oder der
      Weltstar Leonard Cohen. Es ist ein Stück, das man sich auch locker
      fünfmal ansehen könnte, niemals langweilig und sehr vielschichtig.

      Mit Karten sollte man sich beeilen, solange es noch welche gibt. Es gibt
      noch Restkarten, besonders für letzten Vorstellungen im März 2020.

      Datum: 21. Dezember 2019

      www.theater-essen.de