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      Mit "Melancholia", nach einem Film von Lars von Trier zeigt das Schauspiel-
      haus Bochum eine Uraufführung, die das sensible Thema der Melancholie
      szenisch sehr passend trifft. Erstmals wurde die Filmvorlage textlich umge-
      schrieben und als Bühnefassung dargeboten. Regie führte Johanna Wehner.

      Es ist der Tag ihrer Hochzeit. Die Braut Justine (Kristina Peters) beginnt
      plötzlich in Melancholie zu verfallen. Ihr Leben zerbröselt in seine Einzel-
      teile. Wenig später taucht der zunächst geheimnisvolle Planet Melancholia
      am Himmel auf. Er bedroht alles Leben auf der Erde. Weltuntergang in
      Bochum!

      Es ist schon eine bizarre Hochzeitsfeier mit skurril wirkenden Personen, die
      aber eigentlich wir sind. Die Familie möchte ausgelassen den Tag begehen,
      doch Justine ist von der Schwere erfasst worden. Na klar, sie lächelt, damit
      der Rest das Erwartete bekommt. Die Familie hat Unsummen in die Feier ge-
      steckt. Das wird immer wieder betont. Sie wollen eine glückliche Braut sehen.
      "Auf das Leben", so lautet der erste Satz des Stücks, der öfters wiederholt
      wird. Den aufkommenden Problemen begegnet man mit Ritualen. Das macht
      Justine allerdings nicht mit. Wie eine psychisch Kranke mit Depressionen
      behaftete Frau wollen die Familienmitglieder sie aufpäppeln, jedoch ohne
      Erfolg. Sie ist nicht krank, sondern sich nur einiger Probleme sehr bewusst.
      Ihre fragenden Gedanken lassen sie still werden. Antworten findet sie keine,
      wenn sie sie laut in den Raum wirft. Die anderen mögen über die negative
      Zukunft der Welt nicht nachdenken. Justines Fragen verhallen bruchstückhaft.
      Man redet stets aneinander vorbei. Irgendetwas stimmt aber auf jeden Fall
      nicht, denn die Pferde werden nervös. Trotzdem ist Justine die einzige, die klar
      das kommen sieht, was unvermeidlich ist, das schon lange vom Menschen
      verschuldete Ende der Welt. Das Geschehen wird ganz leise und fein
      musikalisch untermalt.

      Das Stück lebt von wiederkehrenden Elementen in den Dialogen, die mit der
      Zeit verwirrt klingen. Die Hochzeitstorte soll pünktlich angeschnitten werden.
      Ein Golfplatz mit 18 (!) Löchern wird von John (Michael Kamp) immer wieder
      betont. So wird aus dem Wald von senkrechten Leuchtstäben auf der Bühne
      sinnbildlich ein Golfplatz. Claire (Johanna Eiworth) ist es, die sehr ritualbe-
      haftet ist. Obwohl ihr durch die Nachrichten bewusst ist, welche Gefahr am
      Himmel der Erde immer näher kommt, verdrängt sie die Apokalypse. Man
      bewegt sich langsam auf der Drehbühne, melancholisch und nachdenklich.
      Die gut agierenden Akteure spielen oft als Gruppe eng miteinander. Dabei
      sind sie sich nah und doch so fern. So kommen die bruchstückhaften Dialoge
      besonders zur Geltung. Jeder lebt in seinem eigenen geistigen Tunnel.

      Die Mimik ist dabei nicht unwichtig. Sie wirken oft wie versteinert und gucken
      düster Löcher in die Luft. Melancholie über 120 Minuten darzustellen ist gar
      nicht so leicht, aber gut umgesetzt. Ergänzt werden die Ensemblemitglieder
      mit Laiendarstellern einer integrativen Theatergruppe. Unsere Gesellschaft ist
      nicht perfekt. Sie machen einen guten Job, auch im Rolli. Selbst ein echter
      Schimmel erscheint am Ende kurz auf der Bühne. Was er oder sie wohl beim
      Anblick dieser apokalyptischen Bühne denken mag.

      Nicht nur die Kostüme (Ellen Hofmann) können überzeugen, sondern auch das
      Bühnenbild (Volker Hintermeier). Ist es eine vom Menschen ramponierte Erd-
      kugel oder die am Ende fehlende "Magische Höhle" als Fluchtpunkt für die
      Menschheit? Der Planet Melancholia senkt sich als kreisrunde Strahleran-
      sammlung immer tiefer und gleißender. Da wird einem im Publikum sogar
      richtig warm. Auf das ...! Es verlischt im Angesicht von Melancholia.

      Am Ende des Stücks ist man sich zunächst etwas unsicher, wie man das
      Stück bewerten soll. Die Schwere erfasst durch die eher langsame Spiel-
      geschwindigkeit auch teilweise das Publikum. Lässt man diese Inszenierung
      erst einmal sacken, so gewinnt sie an positiver Qualität im Gesamteindruck.

      Datum: 24. März 2018, Premiere, Schauspielhaus Bochum

      www.schauspielhausbochum.de