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Schauspiel 'Kleiner Mann - was nun?' im Grillo Theater
Mit dem Schauspiel "Kleiner Mann - was nun?", nach dem Roman von Hans Fallada, bringt das Grillo Theater einen völlig zeitlosen Stoff insgesamt großartig auf die Bühne. Es geht um Lohndumping, eiskalte Manager, Wuchermieten und die gesellschaftliche Schere zwischen Arm und Reich. Regie führte Thomas Ladwig. Schauspielerisch wurde der durchaus harte Stoff genial umgesetzt.

Es ist mal wieder ein typisches Grillo-Stück, sozialkritisch und keine leichte Kost. Johannes (Stefan Migge) und Emma (Silvia Weiskopf), auch liebevoll Lämmchen genannt, werden unverhofft Eltern. Die Zeiten sind hart. 1930 ist die Inflation ein Problem für die ärmere Bevölkerung. Johannes verdient als Buchhalter nicht ausreichend, um eine junge Familie zu ernähren, Emma als Verkäuferin noch weniger. Schon damals wussten die Vorgesetzten, wie man sich auf Kosten der Mitarbeiter schnell eine goldene Nase verdient. "Nur nicht arbeitslos werden", lautet das wichtigste Motto. Tausend Probleme begleiten den Ehealltag des jungen Paares. Eine günstige Wohnung ist kaum zu finden, ein halbwegs gut bezahlter Job ebenso wenig. Sie schlängeln sich so zweit und später zu dritt durchs Leben, mit der Spirale stets abwärts. Man wohnt illegal und kann sich in der Freizeit eigentlich nur kostenfreies Vergnügen gönnen, was es kaum noch gibt. Willkommen im Jahr 2020. Die Bühnenfassung des Fallada-Stoffs von Thomas Ladwig und Vera Ring ist hochaktuell.

Ständig wächst der berufliche Druck. Arbeitgeber finden immer einen Grund, Mitarbeiter zu entlassen. Mal sind es die zu hohen Vorgaben, die man als Verkäufer kaum erreichen kann, mal eine betriebsinterne Liebesbeziehung. Die Arbeitslosen stehen schließlich Schlange und der Nachfolger macht es bestimmt für weniger Geld. Die Sprache der Vorgesetzten wird immer lauter und härter. Ein Mitarbeitergespräch beim Chef klingt schon fast wie ein militärischer Monolog. Nur in einem Klima der Angst ist der Chef auch ein Chef. Einen Job zu finden geht eh nur noch über Beziehungen. Jachmann (Jan Pröhl) ist so einer, der Johannes und Emma mit Jobvermittlungen und Geld aushilft. Er hat auch eine soziale Seite, die allerdings nie uneigennützig ist. Nicht nur er schmiedet sein Leben durch Lügen und Betrug. Auch Johannes Mutter (Ines Krug) predigt Moral und verdient höchst unmoralisch ein kleines Vermögen. Selbst der Unternehmer Kleinholz muss einen ungeliebten Nazi Lauterbach (Stefan Diekmann) beschäftigen, um sich nicht den Zorn der aufkommenden Herrscher zuzuziehen. Plakative Hakenkreuze oder NS-Symbole werden glücklicherweise nicht für die Darstellung verwendet.

Das Rollenspiel der einzelnen Figuren ist spannend zu beobachten. Es entwickelt sich. Während Johannes in seinem Lämmchen zunächst ausschließlich die Mutter des zukünftigen Kinds sieht, entwickelt sie sich zur Leitfigur dieser Ehe. Johannes zerbricht langsam in seiner Persönlichkeit, obwohl auch er hofft, dass es immer einen Ausweg gibt. Seine Frau ist es mehr und mehr, die den Ehe internen Krisenstab leitet und die Dinge oft richtig bewertet, bzw. angeht. Sie wollen ordentlich und sauber bleiben, nicht wie all die Reichen um sie herum, die moralisch verwerflich ein Vermögen anhäufen. Johannes und sein Lämmchen sind die nicht wohlhabende Stimme des Volkes. Thomas Ladwig stellt eindrucksvoll und klar die Figuren in den Fokus, während die hervorragende Bühne alles sein kann. Sie kann den Raum für Reichtum und Armut, das Ländliche oder das Berlin der beginnenden 1930er Jahre darstellen. Die einzelnen Ebenen unterstützen die jeweiligen Rollencharaktere sehr gut. Der Job und das Private verschmelzen szenisch manchmal ausgezeichnet und stellen so die Abhängigkeiten dar.

Diese Bühnenfassung enthält sehr geschickt auch erzählende Elemente, die von den Figuren vorgetragen werden. Manchmal wechselt man zwischen erzählenden Momenten und Dialogen ganz schnell. Das verwirrt überhaupt nicht, im Gegenteil. Da die Bühne alles darstellen kann, benötigen gewisse Szenen inhaltliche Unterstützung. Ansonsten wären drei Stunden, inkl. Pause, wohl auch kaum einzuhalten, wenn alle wichtigen Aspekte nur per Dialog präsentiert würden.

"Wir sind doch beisammen", lautet der Schlusssatz von Emma an den gebrochenen Johannes. Das wunderbare Stück ist nicht nur eine tolle Milieustudie, sondern auch ein Plädoyer für das Zusammenrücken einer Gesellschaft und gegen das egoistische Handeln, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Das hat damals nicht funktioniert und heute gelingt es genauso wenig. In beiden Zeitperioden gab und gibt es politische Probleme der demokratischen Parteien. Der rechte Rand ist heute aber glücklicherweise nicht an den Schalthebeln der Macht und zudem weit davon entfernt.

Anzumerken gibt es noch, dass es im Programmheft zum Stück, unter dem Titel "Berliner Luft", einen ausgezeichneten Text von Carl Zuckmayer gibt, der darin beschreibt, wie es damals zur Machtergreifung der Nazis kommen konnte. Sollte man sich mal merken, um die kleinen Zeichen frühzeitig zu erkennen.

Datum: 28. Februar 2020

www.theater-essen.de