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Die Macht des Schicksals im MiR
Mit der phantastischen Oper "Die Macht des Schicksals" von Guiseppe Verdi hat das Musiktheater im Revier ein Experiment und ein Meisterwerk zugleich auf die Bühne gezaubert. Die neue Fassung wurde außerordentlich von Generalintendant Michael Schulz inszeniert. Dieser tolle und hochaktuelle Stoff war Chefsache. Musikalisch glänzt die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung des wunderbaren Giuliano Betta.

Es dreht sich hauptsächlich um drei Figuren. Donna Leonora di Vargas (Petra Schmidt), aus edlem Hause, verliebt sich in Don Alvaro (Timothy Richards), der aus fremdem Adel stammt und bei ihrer Familie nicht willkommen ist. Die beiden jungen Leute wollen fliehen. Als er Leonoras Vater, den Marchese di Calatrava (Luciano Batini?), doch noch trifft und ihm als Zeichen des Friedens seine Waffe übergeben möchte, löst sich versehentlich ein Schuss. Leonoras Vater stirbt. Leonora flüchtet in ein Kloster, während er als Soldat in den Krieg zieht. Don Carlos di Vargas (Bastiaan Everink), Leonoras Bruder, schwört Rache. Thematische Schwerpunkte dieses Stoffes sind die nicht funktionierende Familie, blinder Hass, Zorn, Gewaltbereitschaft, eine zerklüftete Gesellschaft, fanatische Fremdenfeindlichkeit und die schon immer schwierige Rolle der Kirche. Aktueller kann kein Stoff sein. Michael Schulz bezeichnete sein Werk auf der Premierenfeier selbst sehr treffend als "Höllenfahrt". Das beinahe flächendeckende Massensterben der Hauptfiguren ist unvermeidlich.

Wie führt man heutzutage ein Meisterwerk von Verdi auf, ohne zu pompös und historisierend zu wirken? Die Uraufführung war 1862 in St. Petersburg. Anschließend überarbeitete Verdi sein Werk beinahe zehn Jahre lang, um es als überarbeitete Fassung 1869 in Mailand erneut uraufführen zu lassen. Grundlage der neuen Gelsenkirchener Fassung ist das ursprüngliche Werk aus Mailand. Man war wirklich sehr mutig. Michael Schulz und sein Team haben die Handlungsstränge der drei Akte komplett zerschnitten, sowie szenisch und musikalisch neu zusammengesetzt. Dazu hört man Musikeinschübe von Claudio Monteverdi und ein Werk von Verdi. Auf diese Art und Weise treten die Themen und Orte nicht so singulär auf, wie ursprünglich niedergeschrieben. Die Figuren erscheinen nun regelmäßig und kommunizieren miteinander. Die Handlungsstränge werden klarer und deutlicher ohne die Oper künstlerisch zu vergewaltigen. Verdi hätte es gefallen, denn er selbst überarbeitete gerne seine eigenen Werke.

Michael Schulz hat ganz bewusst die Figuren und ihr Handeln in den Mittelpunkt gestellt und nicht das Drum und Dran. So kommt diese Oper mit relativ wenigen und gar nicht pompösen Requisiten aus. Von einem italienischen Palazzo, einem typischen Armeelager oder einer sakralen Umgebung ist das Bühnenbild (Dirk Becker) meilenweit entfernt. Etliche Tische werden als zweite Bühnenebene so geschickt zusammengeschoben, dass man jeden Ort und jede Szene darstellen kann. Hier und da steht ein Stuhl herum. Ein einfaches, weißes Tischtuch wird geschickt zum Kleid. Sehr clever gemacht! Räumlich können drei Vorhänge, darunter ein halblässiger Fransenvorhang, die Bühne abteilen. Ganz hinten befindet sich eine alte Kinobestuhlung. Hier sitzen häufig die Akteure, die gerade nicht in Erscheinung treten, ähnlich wie die Zuschauer im Saal. So weilen der Opernchor und der Extrachor rund ein Drittel der Vorstellung kulissenartig auf der Bühne, ohne zu singen. Optisch passen sich die wunderbar gelungenen Kostüme (Renée Listerdal) an. Jede gesellschaftliche Gruppe ist deutlich dargestellt, ohne sich auf ein gewisses Zeitalter festzulegen.

Ein ganz großes Lob geht an das prächtige Licht (Patrick Fuchs). Sehr fokussiert stellt es die Figuren in den Blickpunkt, auf der ansonsten eher schwarzen und reduzierten Bühne. Heller oder dunkler gedimmt, lassen sich Gefühle wie Aggressivität, Verzweiflung, Sehnsucht oder Trauer ausdrücken. Ergänzt durch den Nebel des Krieges entwickelt es seine besondere Wirkung.

Der Humor kommt ebenfalls hier und da durch. Wenn der Priester Fra Melitone (Piotr Prochera) die aufgeheizten Gemüter ermahnt, nicht kopflos in den Krieg zu ziehen, sondern das Leben als friedliches Zusammensein zu genießen, muss man schon schmunzeln. Er wird von der Meute schnell mundtod gemacht. Das Naheliegende ist gesellschaftlich ausgeschlossen.

Allen gesellschaftlichen Gruppen des Geschehens wird deutlich der Spiegel vorgehalten. Der Adel denkt streng in eigenen Konventionen und fürchtet um seinen Status, sobald nur etwas Fremdes in die Nähe tritt, schnell zu entlarvende Fake News inklusive. Rassismus ist so alt wie die Menschheit, nur hat sie daraus nichts gelernt. Das Heer zieht verbissen und heldenhaft in die Schlacht, stets im Wissen dass das kein Kinderspiel ist. Schön, dass auch Kinder hier als mahnende Darstellungsform in Erscheinung treten. Die Kirche bekommt mit ihren Konventionen und Fettnäpfchen deutlich die Meinung gesagt. Kann sie es verantworten, das in die Schlacht ziehende Heer zu segnen? Darf sie zulassen, dass Menschen unter ihrem Dach als Eremiten leben, ohne jeglichen Kontakt zu anderen Lebewesen, bis ans Ende ihrer Tage? Wie hält sie es mit ihren eigenen Kreuzzügen? Zwei brennende Schwerter erinnern in einer hervorragenden Szene an die dunkelsten Tage der Kreuzritter und an die Tatsache, sich so manchen Mächtigen kritiklos an den Hals geworfen zu haben.

Was wäre eine Verdi-Oper ohne die Musik. Sie ist prächtig, differenziert zwischen militärischem Marsch, diversen Liebessehnsüchten und religiösen Momenten sehr deutlich. Die nicht wenigen Choreinlagen sind ein Ohrenschmaus in tollen Kostümen. Die neue Aneinanderreihung der Szenen tut dem musikalischen Genuss keinen Abbruch. Stimmlich muss man diesen Abend wirklich zu jeder Zeit genießen. Für Luciano Batini? und Bastiaan Everink ist es sogar das Rollendebüt. Das Ende bilden ganz feine, himmlisch klingende Streicher, die leise ins Jenseits entführen. Einfach herrlich konzipiert!

Die drei Stunden, inkl. einer Pause, wirken extrem hochklassig und kurzweilig. Besser bekommt man es in Mailand, Paris oder London nicht zu sehen. Es sind unvermeidlich auch Waffen im Spiel, die den gegenseitigen Hass nicht verbergen. Aktuelle Szenerien wie die brutalen, rechtsradikalen Morde in Halle oder Hanau kommen einem in den Sinn. Die dumpfen Geisteshaltungen des Adels erinnern stark an die extrem fremdenfeindliche Haltung der AfD, als verbaler Nährboden für brutale Amokläufe. In der heutigen Kirche hat sich seit den Tagen Verdis wohl kaum etwas verändert. Da ist jede Hoffnung vergeblich. Das zeitaktuelle, lebendige und doch morbide Geschehen ist auf jeden Fall ein absoluter Hochgenuss für Opernfreunde. Exzellent gelungen und bei der ausverkauften Premiere mit lange anhaltenden, stehenden Ovationen bedacht!

Datum: 22. Februar 2020

musiktheater-im-revier.de