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      Als Uraufführung zeigt das Theater Oberhausen das Stück "Alles ist wahr -
      Die neun Leben der Marita Lorenz", das unglaubliche Leben einer Frau, die
      als CIA-Agentin unterwegs war und gefühlt fünfzehn Mal neu geboren wurde.
      Sie hat die große Weltgeschichte im Hintergrund mit gestaltet.

      Wer war diese ominöse Marita Lorenz? Sie wurde 1939 in Bremen geboren,
      überlebte mit ihrer Mutter Alice das KZ Bergen-Belsen, überquerte mehrfach
      den Atlantik, lernte in Havanna Fidel Castro kennen und lieben und arbeitete
      fortan für die CIA. Ihr spektakulärster Auftrag war es, den kubanischen
      Revolutionsführer zu vergiften, was sie nicht ausführen konnte. Sie war mehr
      oder weniger alleine in einer Männerwelt. Der Geheimdienst wurde ihre Ersatz-
      familie. Die Aufgaben waren völlig unterschiedlich. Mal enterte sie amerika-
      nische Yachten, um darauf Waffen zu transportieren, ein anderes Mal
      begleitete sie charmant Partys, die Geld für den kalten Krieg sammeln
      sollten. Ganz nah dran war sie, als John F. Kennedy in Dallas erschossen
      wurde, kannte sogar Jack Ruby und Lee Harvey Oswald persönlich. So
      manches Attentat wusste auch sie überleben, manchmal nur sehr knapp.
      Nebenbei bekam sie noch drei Kinder, bis sie als alte Lady in einem
      Seniorenheim in New York landete. Mit 80 siedelte sie über nach Oberhausen,
      nicht ohne direkt ein Messer zu kaufen. Man weiß ja nie, wer einen verfolgt.
      Im September 2019 verstarb sie hier während eines Telefonats mit ihren
      Sohn in den USA. Das sind nur ein paar wenige Auszüge aus ihrem Leben,
      das noch so viel mehr zu bieten hatte.

      Wie bringt man eine solch einzigartige Biografie auf eine Theaterbühne?
      Autor Dominik Busch und Patricia Nickel-Dönicke vom Theater Oberhausen
      reisten für ein paar Tage nach New York, um die alte Dame zu interviewen.
      Aus über drei Stunden Film wurden 140 Seiten Text, was zeitlich drei bis
      dreieinhalb Stunden auf der Bühne ausmacht. Ganz so lang wollte Haus-
      regisseurin Babett Grube dann doch nicht inszenieren. Herausgekommen
      sind sehr kompakte 90 Minuten, die nicht alle Erwartungen für einen so
      großen Stoff erfüllen.

      Klar, die Beziehung zu Fidel Castro wird gut herausgearbeitet. Es war auch
      eine ganz entscheidende Phase in ihrem Leben. Sie wurde von ihm
      schwanger. Sehr gefühlvoll wird gezeigt, wie sie sich während der folgenden
      Zwangsabtreibung fühlte, wer auch immer dahinter steckte, die CIA oder
      Kuba? Überzeugen kann auch der Beginn. Die vier Schauspielerinnen
      (Susanne Burkhard, Elisabeth Hoppe, Nina Karimy, Shari Asha Crosson), die
      alle Marita und die übrigen Personen spielen, kommen aus dem Bühnen-
      himmel geschwebt und versuchen, den Alltag der Agentin zu mimen.
      Anschließend trägt Susanne Burkhard einen Monolog vor, der Maritas Mutter
      hinterfragt, die ebenfalls amerikanische Spionin war.

      Die Monologe prägen das Stück. Sie beschreiben und stellen Fragen. Oft
      möchte man allerdings tiefer in gewisse Lebensabschnitte und Situationen
      eintauchen, sich ein Bild von ihrem Leben machen. Der Stoff gibt es absolut
      her. Leider bleibt es oft an der Oberfläche. Zwei drei Sätze zu gewissen
      Lebenssituationen sollen genügen, um die Dramatik zu transportieren. Das
      tun sie nicht. Die neun Leben, die im Untertitel erwähnt sind, tauchen leider
      nur ansatzweise auf, mit einem sehr abrupten Ende.

      Das Stück ist ein erster Versuch, diese Biografie auf die Bühne zu bringen.
      Es ist diskutabel. Zwei bis zweieinhalb Stunden Zeit wären deutlich besser
      angelegt gewesen. Wer nicht so sehr mit ihrer Lebensgeschichte vertraut ist,
      der wird die Inszenierung gut finden. Weiß man etwas mehr, erwartet man
      auch mehr als das, was gezeigt wird. Ob der Inszenierung vielleicht nicht
      doch ein männlicher Darsteller fehlt, das ist Ansichtssache. Positiv zu ver-
      merken sind auf jeden Fall die Live-Musik von Martin Engelbach und die
      schauspielerischen Leistungen. Mit Shari Asha Crosson war ein neues
      Gesicht sehr überzeugend zu erleben.

      Im Nebenraum sind einige Erinnerungsstücke aus Maritas Leben augestellt,
      darunter ihr Gaskugelschreiber, ihre Sonnenbrille, ein Messer, ihre Minox-
      Spionagekamera und u. a. eine Dose US-Milchpulver von 1945, die ihr als
      Kind nach dem 2. Weltkrieg das Leben rettete. Ein Höhepunkt ist sicher eine
      originale Revolutionskappe von Fidel Castro. Der projiziere Film des
      Interviews aus New York ist leider ohne Ton. Man würde gerne lauschen.

      Datum: 11. Oktober 2019, Premiere

      www.theater-oberhausen.de