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Schauspiel 'Drei Mal Leben' im Schauspielhaus Bochum
Mit der sehr gut inszenierten Komödie "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza präsentiert das Schauspielhaus Bochum eine wunderbare Situationskomik und ein sich gepflegtes vor den Kopf stoßen zweier Ehepaare, voller Zynismus, sichtbarer Überforderung und affektiertem Gehabe.

Es geht sehr scharfzüngig her, dabei sollte es doch nur ein wichtiger Abend für Henri (Sascha Nathan) und Sonja (Karin Moog) werden. Ines Finidori (Jele Brückner) und Hubert Finidori (Oliver Möller) sind eingeladen, um Henris Karriere als Kosmologe wieder in Fahrt zu bringen. Henris neuer Text befasst sich mit der Frage, ob galaktische Halos kugelförmig oder flach sind. Er glaubt, die flache Erscheinung nachgewiesen zu haben. Hubert, ein befreundeter Kosmologe, hat da gewisse Möglichkeiten, ihm eine Bühne zu bereiten. Er ist ein typischer Schönling, dem man automatisch eine gewisse Intelligenz anhaftet, attraktiv und eloquent gleich schlau.

Dumm nur, dass man sich im Besuchstermin vertan hat. So verbringen Henri und Sonja den Abend zu Hause und legerer Freizeitkleidung bzw. im Sport-BH. Der Kühlschrank hat lediglich Kekse, Äpfel, Käse und sogenannte Appetithäppchen zu bieten. Im Grunde ist es völlig egal, wer sich im Datum vertan hat. Als es klingelt gewinnt der Abend eine gewisse Eigendynamik, die schnell aus dem Ruder läuft, geprägt von Nervosität, einer überlegenen Eloquenz und Ehefrauen, die die wahren Charakterzüge ihrer Männer und ihre eigenen sehr direkt offenlegen. Es knirscht in ihren Ehen. Hinter dem Rücken wird es spannend. Man hat Karriereängste und möchte beruflich seine Anerkennung nicht verlieren. Obendrein ist da noch das schreiende "Baby" von Henri und Sonja, ein sechsjähriger Junge, der sich allenfalls mit Keksen und Äpfeln im Bett beruhigen und bedienen lässt. Erziehungstechnisch muss da im Vorfeld einiges schief gelaufen sein. Nun garniert er den so wichtigen Abend mit seinem Geschrei.

Das besondere an diesem Stück ist die eine Situation im Wohnzimmer von Henri und Sonja, die mit leichten Abweichungen dreimal durchgespielt wird, mit jeweils spürbar veränderten Abläufen. Wie praktisch wäre es, diese Möglichkeit auch im wahren Leben zu haben.

Als Besucher erlebt man eine sehr unterhaltsame und wunderbar verstörte Aufführung, die durch klasse Dialoge überzeugt. Blitzschnell kommt es immer wieder zu Wendungen und neuen Koalitionen, zu Nervosität, die begründet oder unbegründet sein kann. Es kommt stets auf kleine Variationen in der Kommunikation an, die mehr oder weniger aufregende Reaktionen beim Gegenüber auslösen.

Wie muss man sich als Absolvent eines akademischen Bildungsgrades präsentieren? Hubert, eine selbsternannte Koryphäe der Kosmologie, und Sonja, eine stolze Juristin, wissen sich sehr gut in Pose zu stellen und sich eloquent auszudrücken. Man versteht sich überwiegend recht gut. Henri ist dagegen eher der leidenschaftliche Wissenschaftler, der Mensch gebliebene Forscher, der weniger auf Netzwerke und ein eloquentes Standing Wert legt. Der Versuch seiner eigenen Präsentation gerät allerdings eher auf die humorvolle Schiene, was sich aber im Laufe der drei Durchläufe etwas ändert. Ines sind die wissenschaftlichen Höhenflüge eigentlich völlig gleichgültig und doch stellt sie eine entscheidende Frage. Was haben wir eigentlich im Alltag davon, ob die galaktischen Halos nun rund oder flach sind? Gar keine, wie die beiden Kosmologen zugeben müssen.

Das Abstrakte an der dieser Situation im Wohnzimmer wird im letzten Teil besonders deutlich. Als ob sie alle aufputschende Mittel genommen haben, stehen sie sich gegenüber, eine schöne Persiflage eines netten Abends, an dem Nettigkeiten ausgetauscht werden, jeder sich trotzdem für unfassbar klug hält und unter Vermeidung der zu direkten Konfrontation mit schockierenden Nachrichten. Was sich eh schon angebahnt hat, ist dann auch keine Überraschung mehr.

Als Musiker begleitet Torsten Knoll per Computer und Keyboard das Geschehen auf der Bühne sehr passend. Gelungen ist auch das Bühnenbild mit einer Bühne als Elypse, sowie einer gleichförmigen Projektionsleinwand darüber. Die passenden Kostüme spiegeln die Charaktere der einzelnen Figuren sehr gut wieder. Schauspielerisch ist das Stück auf dem Niveau, was man im Schauspiel Bochum erwartet und auch bekommt.

Datum: 2. Oktober 2020, Premiere

www.schauspielhausbochum.de