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Schauspiel 'King Lear' im Schauspielhaus Bochum
Mit dem großen Klassiker „King Lear“ von Shakespeare zeigt das Schauspielhaus Bochum die erste Inszenierung der neuen Spielzeit. Intendant und Regisseur Johan Simons hat es verstanden, diesen gewaltigen Stoff in drei Stunden wunderbar und packend zu inszenieren.

Die ganze Welt muss schon damals, im Jahre 1604/1605, ein Narrenhaus voller Verrückter gewesen sein. Damals verbrachte Shakespeare selbst einige Zeit in Quarantäne, wegen der Pest. Er hatte offenbar viel Zeit, um über die Gesellschaft nachzudenken und konzentriert zu schreiben. Mit „King Lear“ hat er ein echtes Meisterwerk geschaffen, das heute noch auf der Bühne in Bochum hochaktuell ist. Es ist oft das Streben nach Macht, das die Mächtigen eiskalt und skrupellos werden lässt, selbst den engsten Vertrauten gegenüber. Geliebt zu werden bedeutet für sie nur die uneingeschränkte Gefolgschaft der Untergebenen. Nicht selten spielen Angst-und Drohszenarien dabei eine Rolle. Müssen sie von der Macht lassen, so reduziert sich der sogenannte Freundeskreis sehr deutlich.

In diesem Stück ist es nicht anders. König Lear (Pierre Bokma) hat zwar drei Töchter, doch durch die Amtszeit als König hat die Familienbindung gelitten. Mit dem altersbedingten königlichen Abgang und Übergang der Macht an die Kinder kommt es zum Bruch mit der jüngsten Tochter Cordelia (Anna Drexler). Während ihre Schwestern Goneril (Mourad Baaiz) und Regan (Michael Lippold) die Familienidylle heucheln und jeweils ein Stück vom Königreich bekommen, ist Cordelia bei der Frage ihrer Liebe gegenüber ihrem Vater eher rhetorisch kantig und geht leer aus. Sie wird dem französischen König zur Frau überlassen, kehrt aber als Hausnarr zu ihrem Vater zurück. Was wäre ein solches Stück ohne einen Narren! Shakespeares Drama wurde im Auftrag des Schauspielhaus Bochum neu übersetzt von der österreichischen Autorin und Dramatikerin Miroslava Svolikova.

Die Inszenierung überzeugt durch ihre Art, die düsteren Vorahnungen stetig zu lancieren. Das Spiel mit dem Licht, durch hell-dunkel-Variationen, bringt mehr und mehr Dramatik in die Geschichte. Überwiegend hat man sich für eine eher langsame Spielweise entschieden, die viel Zeit für Gedanken lässt. Die bis zur Pause kreisende Kamera im Hinterzimmer, in dem sich die SchauspielerInnen aufhalten, die gerade nicht im Einsatz sind, hat dabei etwas Psychedelisches an sich. Sie wird groß auf die Kulisse projiziert. Die Körpersprache der dort sinnierenden Gestalten ist deutlich. Sie scheinen zu wissen, in welche jämmerlichen Zustand sie sich befinden. Die ruhige und reduzierte Handlung wird aber immer wieder mal von Temperamentsausbrüchen unterbrochen. Ständig hält man die eigene Zerrissenheit auch sonst kaum aus. Die gedachte Unzufriedenheit muss raus, egal ob man Gehör oder Ablehnung findet. Der Wahnsinn nimmt jedenfalls ungehindert seinen Lauf, was die Charaktere so spannend macht.

König Lear und sein Narr stechen schauspielerisch aus den ansonsten sehr guten Leistungen auf der Bühne hervor. Es sind ganz hervorragend gespielte Rollen. Verrückte und Narren dürfen Dinge von sich geben, die man sonst so nicht äußern darf. Es sind wahre Traumrollen für jeden Schauspieler. Sie dürfen wütend auf den Boden stampfen und laut sein. Dann kommt die Wahrheit ans Tageslicht, die die nicht ertragen können, die ihre eigene moralische Fehlhaltung zwar sehen, aber auf persönliche Privilegien nicht verzichten möchten. Mit der Verrücktheit kehrt auch die Klarheit ins Stück ein. King Lear erkennt plötzlich, was er in seinem Leben verkehrt gemacht hat, doch selbst sein Narr muss erkennen, dass auch er nicht mehr helfen kann. Gleiches gilt für die Parallelhandlung um Gloster (Steven Scharf) und seine Söhne Edgar (Konstantin Bühler) und Edmund (Patrick Berg). Auch sie führen sich selbst in den langsamen Untergang. Gemeinsam verlässt die siegreiche englische Gesellschaft um Edmund herum das Irdische, während die Gefangenen Lear und Cordelia ebenfalls keine andere Wahl haben. Letztere gehen allerdings mit sich im Reinen und reflektiert in den Tod.

Das Stück ist prall gefüllt mit Lebensweisheiten und dramatischen Momenten. Ein sehr energiegeladenes Donnergrollen ist als raumgreifender Sound im Theater mal leise und mal ordentlich laut zu vernehmen. Es dokumentiert akustisch die innere Zerrissenheit, den gesellschaftlichen Sturm oder zeitweilig den Kriegsdonner. „King Lear“ ist ein großes Stück der Literatur- und Bühnengeschichte, das grundsätzlich schwer und dramatisch und mit sehr kontrastreichen Figuren gesegnet ist. Die Inszenierung von Johan Simons spiegelt all das hervorragend wieder. Die drei Stunden, mit einer kurzen Pause, sind extrem kurzweilig, klasse dargeboten und absolut sehenswert.

Ein großer Dank geht auch an des Team vom Schauspielhaus Bochum. Wo sonst ungefähr 800 Besucher Platz finden, dürfen aktuell nur 180 hinein. Statt 16 Mitarbeitern pro Abend sind wegen den Corona-Regelungen nun 26 Leute für die Gäste da. Der Aufwand einer solchen Aufführung ist enorm.

Datum: 12. September 2020

www.schauspielhausbochum.de