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      Eine rauschende Premiere erlebte das Grillo Theater mit dem Musical
      "My Fair Lady". Anne Schirmacher als Eliza Doolittle, Jan Pröhl als Henry
      Higgins und all die anderen Darsteller zauberten ein wahrhaft großes Stück auf
      die Bühne.

      Es ist ein Klassiker, der vom Regisseur Robert Gerloff für die Schauspielbühne
      bemerkenswert abgewandelt wurde. Kein großes Orchester begleitet die Auf
      führung, sondern ein sechsköpfiges erweitertes Kammermusikensemble, das
      sehr gekonnt, kraftvoll und kreativ mit u. a. einem klassischen Streichquartett,
      Bratsche, Klavier, Kontrabass und akustischer Gitarre jeweils den passenden
      Sound erklingen lässt und teilweise auch als kleiner Chor auftritt. Musikalisch
      wirklich wundervoll dargeboten und arrangiert, unter der Leitung von Hajo
      Wiesemann.

      "Kann die Kinder keiner lehren wie man spricht?" Henry Higgens Besessenheit,
      der Menschheit die eloquente Sprache der besseren Schicht zu lehren, manö-
      vriert ihn in Sphären eines abgehobenen Professors, um am Ende jäh die
      gesellschaftliche Rolle mit der eines abgestürzten Chauvinisten tauschen zu
      müssen. Sein Pendant, Eliza Doolittle, geht den umgekehrten Weg und weiß
      genau, was sie tut oder tun muss. Wie Regisseur Robert Gerloff diese Charak-
      tere meisterhaft ausarbeitet und vertieft, ist schon sehr sehenswert. Anne
      Schirmacher als Eliza überzeugt schauspielerisch und gesanglich auf ganzer
      Linie. Zu erleben ist die tiefe Betonung der Rolle auch Bei Elizas Vater Alfred,
      einem hoffnungslosen Alkoholiker und seinen sehr unterhaltsam dargestellten
      Saufkumpanen. Ebenfalls toll besetzt sind die Rollen von Ingrid Dormann als
      Mrs. Higgens, Laura Kiehne als Mrs. Pearce oder Sven Seeburg als Oberst
      Pikering.

      Der Regisseur hat eine dicke Portion von Humor und Ironie in das Stück
      gepackt, weniger den gehobenen Zeigefinger. Selbst Sir Toby mit seinen
      "Dinner for One"-Gästen taucht auf. Auch hört man kurz Anklänge auf diverse
      Opern, als Ausdruck des leeren Selbstverständnisses der Oberschicht, die im
      Grunde unfähig ist wirklich zu arbeiten. Man zelebriert seinen Reichtum und
      seinen Stand beim Diplomatenball oder auf der Rennbahn. Das alles wird alles
      herrlich ironisch aufs Korn genommen. Eine klasse Szene ist dabei, wie Eliza
      als ehemaliges Gossenpflänzchen elegant gekleidet die Vertreter der gewählten
      Sprache mit ihrem Berliner Gossenslang in Ascot brüskiert. Stark sind ebenfalls
      ihre Auftritte, wenn sie sich von ihrem Lehrmeister mehr und mehr emanzipiert
      und ihn kopiert, ohne dabei aber abzuheben.

      Zu einer großen Aufführung gehört auch ein großes Bühnenbild, konzipiert von
      Maximilian Lindner. Die Drehbühne bietet Raum für das Gossenmilieu und den
      gehobenen Stand im London um 1912. Am Ende kommt sogar moderne Kunst
      der Neuzeit zum Vorschein, ein Zeitsprung mit Symbolkraft. Als wirkliche
      Besonderheit ist eine äußert amüsierende Videoleinwand zu erleben, auf der
      nicht nur zeitliche Abfolgen erklärt werden, sondern auch sensationelle bewegte
      Werbeclips scheinbar alter Filme mit den auf der Bühne agierenden Schauspie-
      lern als humorvolle Abfolge passend zu jeder Szene laufen. Selbst James Bond
      taucht plötzlich auf. Diese köstlichen Werbeclips wurden gestaltet von der
      Finnin Heta Multanen. Natürlich sind auch die Kostüme äußerst gelungen
      ausgewählt.

      Musikalisch werden alle Songs und Gassenhauer des Musicals hervorragend
      dargeboten. Es ist ein Musical mit teils schauspielerischem Charakter und
      feinen Anleihen bei der Komödie. Es kommt locker und leicht daher, ohne die
      Tiefe der Charaktere zu vergessen. Diese besondere Herangehensweise des
      Regisseurs macht es so wunderbar, wie auch die ausnahmslos tollen Schau-
      spieler. Eine Eins mit Sternchen und ein großes Lob an alle Beteiligten auch
      hinter den Kulissen.

      Datum: 5. Dezember 2015

      www.schauspiel-essen.de