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      Es gibt Stücke, die müssen genau so sein wie sie sind. "Das siebte Kreuz"
      von Anna Seghers wurde am Theater Oberhausen von Lars-Ole Walburg sehr
      sehenswert inszeniert. Herzklopfen ist garantiert.

      Es geht um sieben Ausbrecher, die 1937 aus dem Konzentrationslager
      Osthofen zwischen Mainz und Worms fliehen. Der Lagerkommandant lässt
      daraufhin sieben Platanen köpfen, um die Fliehenden dort zu hängen. Alles
      wird daran gesetzt, sie wieder zu festzusetzen. Die Hässlichen jagen die
      Unschuldigen. Sieben Tage Flucht kosten ihre Opfer. Die Ausbrecher fühlen
      sich wie Ratten oder Hunde, stets von allen Seiten verfolgt. Sechs werden
      gefasst, doch Heisler gelingt die Flucht. Das siebte Kreuz bleibt leer, ein Sieg
      über die Herrschaft des durchaus angreifbaren Nationalsozialismus.

      Sind die gleißenden Strahler in den Zuschauerraum erst einmal nach oben
      gezogen, kommt ein riesiges, schräg liegendes Hakenkreuz als Bühne zum
      Vorschein. Schon bald erscheint es einem aber gar nicht mehr so bedrohlich,
      sondern eher wie ein gezackter Laufsteg für die Akteure, inkl. möglicher
      Verstecke darunter, provokant und klasse gelöst. Man trampelt drauf herum
      und beschmutzt es sogar mit Dreck. Um die Vorstellung nicht stundenlang
      zu spielen, wurde der rund 400 Seiten lange Roman auf 59 Seiten mit 40
      Szenen gekürzt, mit knapp zwei Stunden Spielzeit. So wurde die Inszenier-
      ung sehr kompakt, intensiv und hochklassig. Sehr fein, eher leise und
      spannend kommt sie daher. Egal ob Clemens Dönicke, Burak Hoffmann,
      Emilia Reichenbach, Daniel Rothaug oder Lise Wolle, sie alle können auf
      ganzer Linie in stets wechselnden Rollen voll überzeugen. Man kann nie-
      manden hervorheben. Martin Engelbach glänzt mit seiner musikalischen
      Begleitung, die selten laut wird. Von den ersten Momenten an ist man ge-
      packt vom Geschehen. Die Lagersirene heult und das Fluchtdrama nimmt
      seinen Lauf.

      Es ist ein wie Roadmovie, nur unter brutalen Vorzeichen in einer düsteren
      Zeit. Heisler kämpft sich kriechend durch Gräben zur nächstgelegenen
      Zivilisation. Gespielt wird er abwechselnd von fünf verschiedenen Akteuren.
      Die Rollen wechseln ständig, was aber nicht stört, denn sie sind die Erzähler
      des Stücks. Die Geschichte wird klar veranschaulicht. Heisler hat Hunger
      und Angst. Seine Hand schmerzt. Dabei begegnet er automatisch Fremden.
      Kann er ihnen trauen? Ohne Hilfe wird er es nicht schaffen. Die Nazi-Mitläufer
      tauchen in der Regel als akustischer Hintergrund oder als Gerede auf. Man
      hat was gehört. Sie marschieren oder gehen unter seinem Versteck mit ihren
      Kindern spazieren. Heislers frühere Partnerin wird als Lockvogel auf freiem
      Fuß belassen und beschattet. Die Methoden der Nazis sind perfide. Einmal
      wird es aber doch sehr brenzlig. Da zeigt der Rechtsradikalismus aber seine
      geistige Beschränktheit. Zwischendrin sorgen Figuren wie Marcel Reich-
      Ranicki und Bert Brecht für humanistische Momente. Auch Anna Seghers,
      die selbst vor den Nazi geflohen ist, kommt überraschend als O-Ton zu Wort.
      Da bekommt man Gänsehaut!

      Die damals existierende Nazi-Gesellschaft wird szenisch beeindruckend
      durchlaufen, im Café, beim jüdischen Arzt, im Lkw, beim Bäcker, in der
      Kirche oder mittels ganz normaler Privatpersonen. Heisler wird mit Plakaten
      gesucht und auch hier und da erkannt. Viele möchten ihm zwar helfen, aber
      würden sie auch ihr Leben dafür geben? Sie wittern, dass etwas mit ihm
      nicht stimmt, trotz bürgerlicher Kleidung. Einige hilfsbereite Menschen gera-
      ten so in große Gefahr, werden brutal verhört oder verhaftet. Foltermethoden
      werden ansatzweise beschrieben. Sie müssen sich entscheiden, auf welcher
      Seite sie stehen möchten. Ehepaare geraten dabei in Diskussionen. Jedes
      Geräusch könnte das Ende der Flucht oder des bürgerlichen Lebens bedeu-
      ten. Der begleitende Soundtrack ist ganz fein von Martin Engelbach live auf
      der Bühne abgestimmt, ebenso wie das Licht, das sehr passend konzipiert
      ist. Ebenso sind die Kostüme treffend gewählt.

      Diese wunderbare Inszenierung von Lars-Ole Walburg (*1965, Grimme-
      Preisträger, Regisseur, Dramaturg und Intendant am Schauspiel Hannover)
      eignet sich perfekt, um die dunkle Vergangenheit mal wieder intensiv zu
      verinnerlichen. Liebe Eltern, Großeltern oder Lehrer, nehmt die Jugendlichen
      doch mal mit ins Theater. Hier wird deutsche Geschichte packend und
      mahnend dargeboten.

      Datum: 10. März 2018

      www.theater-oberhausen.de