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      Für viele von uns ist das Kosovo gefühlt ganz weit weg. Nicht nur deswegen sind
      die täglichen Abschiebungen ganzer Familien ins Kosovo und anderswo hin
      längst ein verdrängtes Thema. Das Theater Oberhausen nimmt sich dieser
      verdrängten Realität an und präsentiert das aufrüttelnde und spannende Stück
      „Deportation Cast“ von Björn Bicker. Regie führte Christopher-Fares Köhler.

      Vor vier Jahren wurde es mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet.
      Einfach zu spielen ist es wahrhaftig nicht. Anja Schweitzer, Lise Wolle, Martin
      Müller-Reisinger und der ebenfalls überzeugende Gastschauspieler Christian
      Wagner haben keinen leichten Job. Sie müssen jeweils bis zu vier Rollen im
      Wechsel übernehmen und jedes Mal wieder den Charakter im Kopf umdenken.
      Alle vier machen das richtig gut. Die Wechsel der jeweiligen Rollen werden
      schnell für den Betrachter verständlich, ohne große Kostümwechsel. Es ist ein
      Stück mit deutlich umrissenem Inhalt und mit dem Nötigsten an Requisiten auf
      der Bühne.

      Zwei Familien, die von Bruno (Christian Wagner), dem Sohn eines Piloten
      (Martin Müller-Reisinger), und Elvira (Lise Wolle), einem 16-jährigen Roma-
      Mädchen stehen im Mittelpunkt. Bruno und Elvira sind verliebt, doch Elvira
      wurde mit ihrer Familie ins Kosovo abgeschoben. Sie hat einen 14-jährigen
      behinderten Bruder. Die beiden Stränge werden geschickt miteinander verknüpft.
      Während Bruno und Elvira ihre erzwungene Trennung nie verkraften, entfernt
      sich Bruno immer mehr von seinem Vater, der als Pilot auch schon abgescho-
      bene Flüchtlinge in die sogenannte „Heimat“ geflogen hat. Er kennt die
      Abschiebepraxis, genau wie die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde, der Anwalt
      oder der Arzt, der Abgeschobene auf dem Flug begleitet. Sie alle haben mora-
      lische Skrupel bei ihrer Tätigkeit, verdrängen sie aber stets. Der Job ist eben
      kein Wunschkonzert.

      Mit der Zeit zerfallen die beiden Familien zusehends. Der Pilot wird von Frau und
      neuer Freundin verlassen und hat obendrein Probleme mit seinem Sohn, für den
      er nie Zeit hat. Da muss die Lehrerin als Ersatzmutter einspringen. Elviras
      Familie muss sich auf der Müllkippe etwas Geld verdienen, etwa einen Euro
      am Tag. So jobt sie, die albanische Sprache nicht beherrschend, in einem Hotel
      mit deutschen Geschäftsleuten in der Stadt. Für Liebesdienste benötigt sie kein
      Albanisch. Ihr Vater war vor er Flucht Polizist und wird der Kollaboration mit den
      Serben beschuldigt. Er verlässt die Familie und zieht einsam, verarmt und
      zerbrochen in den Wald, während die restliche Familie ins benachbarte Serbien
      weiter flüchten muss.

      Elvira fühlt sich bei all den Wirrungen nie zu Hause. In Deutschland war sie eine
      Ausländerin, während sie im Kosovo eine Deutsche ist, ohne Kenntnisse der
      Landessprache. Für die Behörden ist sie eine Roma. Im Grunde ist sie eine
      Heimatlose, die hin und her gerissen wird und irgendwie überleben muss. Ihr
      behinderter Bruder Egzon (Christian Wagner) endet tragisch. So ergeht es
      täglich vielen abgeschobenen Ausländern. Ihre Schicksale werden in der Regel
      nie publik. Die Abschiebepraxis der deutschen Behörden nimmt im Verborgenen
      knallhart ihren Gang. Gesetz ist Gesetz, da kann auch der Anwalt wenig
      ausrichten.

      Das Stück zeigt eindrucksvoll und inhaltlich dicht inszeniert, wie die Realität
      aussieht, mit der Ausländer in diesem Land konfrontiert sind. Durch die stän-
      digen Seitenwechsel in den Rollen wird die Situation sogar noch intensiver
      dargestellt, die Verzweiflung noch unterstrichen. Hinzu kommt die jeweilige
      Soundkulisse, die gewisse Andeutungen vermittelt. Die 90 Minuten sind nicht
      nur sehr gut gespielt und geistig anspruchsvoll, sie fordern auch die Schau-
      spieler wirklich enorm. Im Malersaal des Theater Oberhausen ist man ganz
      dicht dran, an der verdrängten Realität. Man kann gar nicht wegsehen.

      Datum: 30. September 2016

      www.theater-oberhausen.de