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Kolloquium 'Die dunkle Seite des Bergbaus' auf Zollverein
Eine Gedenktafel enthüllte die Stiftung Zollverein auf Zollverein für die Opfer der Zwangsarbeit im Ruhrbergbau. Sie erinnert an die dunkle Seite des Bergbaus im Ruhrgebiet und auf Zollverein. Im anschließenden Kolloquium in der Mischanalge der Kokerei Zollverein wurde das Thema sehr interessant vertieft.

In 167 Ländern der Welt machen mehr als 1.000 UNESCO-Welterbestätten die Geschichte der Menschheit und des Planeten erlebbar. 46 davon liegen in Deutschland. Mit dem jährlichen UNESCO-Welterbetag rückt die deutsche UNESCO-Kommission diese einzigartigen Stätten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Stiftung Zollverein wählte diesen Tag, um auf ein düsteres Kapitel der Geschichte zu blicken. Auf der Kokerei Zollverein wurde eine Gedenktafel für die Opfer der Zwangsarbeit im Ruhrbergbau und auf Zollverein während des Zweiten Weltkriegs enthüllt.

Zollverein war einst die größte und leistungsstärkste Steinkohlenzeche der Welt, ist ein Meisterwerk der Industriearchitektur. Wer heute diesen imposanten Ort besucht, soll aber auch daran erinnert werden, wer hier arbeitete und unter welchen Bedingungen dies geschah. Es waren nicht nur die Bergarbeiter, die auf Zollverein und auf vielen anderen Zechen des Ruhrgebiets ihre Gesundheit und ihr Leben unter Tage riskierten, sondern auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg. Es waren mehrere Tausend, Menschen, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion aber auch aus anderen europäischen Ländern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft von Juni 1940 bis April 1945 auf der Zeche und Kokerei Zollverein Zwangsarbeit leisten mussten.

An dem Ort, an dem nun eine Gedenktafel an diese Menschen erinnert, befand sich eins von insgesamt drei Barackenlagern auf Zollverein, in denen vor allem Kriegsgefangene untergebracht waren. Männer und Frauen litten unter den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Ein Viertel aller Zwangsarbeiter im Ruhrbergbau bezahlten diesen Einsatz mit dem Verlust der Arbeitsfähigkeit oder dem Leben.

Das folgende Kolloquium unter dem Titel „Die dunkle Seite des Bergbaus“ wurde von Prof. Heinrich Theodor Grütter, Vorstandsmitglied der Stiftung Zollverein und Direktor des Ruhr Museums auf Zollverein, erwartungsgemäß sehr gut in der Mischanlage moderiert. Zu Gast mit ihren exzellenten Vorträgen waren Prof. Dr. Ulrich Herbert („Zwangsarbeiter im Ruhrgebiet“), Dr. Klaus Wisotzky („Die Elite der deutschen Arbeiterschaft? –Bergarbeiter im Dritten Reich“), Dr. habil. Christoph Seidel („Zwangsarbeitereinsatz im Bergbau“) und PD Dr. Tim Schanetzky („Die Gelsenkirchener Bergwerke und die Rolle Albert Vöglers“).

Wer war damals verantwortlich und wer profitierte von den ausländischen Zwangsarbeitern? Zunächst muss man zwischen Zwangsarbeitern differenzieren. KZ-Häftlinge gab es auf Zollverein nicht. Es dominierten sowjetische, polnische und französische Zwangsarbeiter aus Kriegsgefangenenlagern oder zivile Zwangsarbeiter. Während die westeuropäischen Arbeiter noch relativ gut gestellt waren, so standen ihre Kollegen aus dem Osten in der Rangordnung weit darunter. Mit russischer Herkunft musste man mit 2.500-2.800 kcal/Tag maximal zufrieden sein. Selektionen wurden teilweise durch Leistungsernährung vollzogen. Den schlechten ArbeiterInnen wurde Nahrung abgezogen, um sie den besseren Kollegen zuzuschlagen. Ein Drittel waren übrigens junge Frauen unter 20 Jahren, die man brauchte, damit die männlichen Zwangsarbeiter sich nicht über deutsche Frauen hermachten. Man trug ungeeignete Kleidung und von Arbeitsschutz war keine Rede. Teilweise reichten die Lagerkapazitäten nicht mehr aus. Einige Zwangsarbeiter wurden in privaten Unterkünften untergebracht. Ihre Behandlung war höchst unterschiedlich. Manche Deutsche halfen ihnen, andere traten und schlugen sie ungestraft. Schon die Beschaffung der männlichen und weiblichen Arbeitskräfte war nicht einfach. Sie kamen zum Teil mit den Güterwaggons ins Revier, mit denen zuvor Menschen ins KZ transportiert wurden. Russische Kriegsgefangene waren ausgehungert und schlapp, oft nicht bereit für die harte Arbeit. Man versuchte sie körperlich aufzupeppeln, doch viele starben kurz nach ihrer Ankunft. Die Direktoren der Schachtanlagen waren nicht begeistert, jedoch auf sie angewiesen, da deutsche Kumpel teils einberufen wurden. Im Oktober 1942 gab es auf Zollverein 5.433 deutsche Kumpel und 917 ausländische Zwangsarbeiter. Ein Jahr später betrug das Verhältnis 5.071 zu 2.242. Ende März 1945 waren es noch ganze 18 ausländische Zwangsarbeiter. Man entließ sie in eine ungewisse Zukunft. Wer zurück in die Sowjetunion ging, wurde dort erneut in ein Lager gesteckt, aus Neid. Man war der Meinung, dass sie es im westlichen Arbeitsdienst besser hatten als die Bevölkerung zu Hause. Für rund 100.000 ungarische Juden war der Arbeitseinsatz aber ganz sicher ihre Rettung vor dem Tod im KZ, wo ihre Mitgefangenen sofort vergast wurden. Trotzdem kamen auch hier viele durch harte Arbeit, Hunger, Bombardierungen oder Erschießung um. Die im März 1945 frei herumlaufen, ehemaligen Zwangsarbeiter wurde von der Gestapo verhaftet und häufig erschossen. Man hatte in den letzten Tagen der Nazi-Herrschaft sogar den Plan, Tausende von ihnen im Bergwerk mit steigendem Grundwasser zu ertränken. Die Direktoren verhinderten dies. Überhaupt kann man sagen, dass die Bergleute nicht besonders gut auf die Nationalsozialisten zu sprechen waren. Man protestierte still und individuell, ohne eine große Widerstandswelle zu organisieren.

Ein besonderer Aspekt war das Thema Albert Vögler (1877-1945). Er war 1916 ein enger Vertrauter von Hugo Stinnes. Anschließend gründete er mit den Vereinigten Stahlwerke AG einen großen Konzern und baute u.a. auch Schacht 12 auf Zollverein, der bis 1965 seinen Namenzug trug. Er war kein Mitglied der NSDAP, aber durchaus rechts angesiedelt. 1945 beging er Suizid, wurde aber nach dem 2. Weltkrieg, im Gegensatz zu Krupp, als unbedenklich eingestuft und verehrt. Erst in den letzten zehn Jahren wurde tiefer recherchiert und sein sein wahrer Charakter ans Tageslicht gebracht. Er war kein Opfer des NS-Staates, sondern wusste sehr genau, wie menschenverachtend sein Handeln war. So sehr das Welterbe auf Zollverein strahlt, so deutlich muss man auch die dunkle Seite dieser Schachtanlage bedenken. Man stellt sich dieser Frage.

Der Mitschnitt des Kolloquiums ist in voller Länge auf YouTube abrufbar. Es lohnt sich. Selbst Prof. Heinrich Theodor Grütter merkte am Ende an, dass auch er viel gelernt hat. „Man lernt nie aus.“

Datum: 6. Juni 2021

www.zollverein.de
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