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      Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen nimmt sich gerne weniger
      gespielte Stücke vor. Dieses Mal ist es die Oper "Königskinder" von
      Engelbert Humperdinck, die meisterhaft von Tobias Ribitzki auf die Bühne
      gezaubert wird.

      Es ist die Geschichte von der Gänsemagd (Bele Kumberger) und dem
      Königssohn (Martin Homrich), die zwar ihre Liebe gefunden haben, aber von
      der Hexe (Almuth Herbst) und der Gesellschaft daran gehindert werden, ihr
      Glück zu finden. Tragisch müssen sie verschwinden. Ihr Glück finden sie auf
      der anderen Seite des Lebens, im Jenseits.

      Die Inszenierung ist gekennzeichnet durch moderne Architektur einer Warte-
      halle, ein vorzügliches Bühnenbild (Kathrin-Susann Brose). Hier soll eigent-
      lich das Glück warten, doch es lässt auf sich warten. Es wird schön darge-
      stellt, wie die Gänsemagd Schwierigkeiten hat, sich von dem Fluch der
      Hexe zu lösen. Dabei hat die Hexe eine sehr exponierte Stellung im Stück,
      die Almuth Herbst klasse darstellt. Man hat ihre Rolle sehr aufgewertet.
      Selbst ohne Dialog ist sie häufig am Rande, um durch körperliche Präsenz
      ihren Einfluss geltend machen zu wollen. Sie kämpft großartig um ihren Fluch.

      Es sind aber auch die kleines Dinge im Stück, die die starke Symbolik
      repräsentieren. Die goldene Krone des Königssohns ist aus Papier, wie auch
      die Blume, die der Gänsemagd die Liebe signalisiert. Schwere Insignien der
      Macht oder übertrieben dargestellte Symbole sind hier fremd. Toll werden die
      Gänse gespielt. Als Handpuppen tauchen sich an verschiedenen Orten auf.
      Sie sorgen für Auflockerung. Spannend ist stets eine Arbeitstasche auf dem
      Boden, in der Dinge und Menschen verschwinden und wieder auftauchen.
      Ein wenig mystischer Hokuspokus. Die Konzentration wurde auf die Hand-
      lung sowie die Sängerinnen und Sänger gelegt. Obwohl sich die Bühne kaum
      verändert, wirkt die Inszenierung überhaupt nicht langatmig. Im dritten Akt
      dunkelt das Licht sehr geschickt ab und es wird das traurige Finale einge-
      läutet. Dann kommt sogar Gänsehaut auf.

      Klar wird das Nebeneinander zwischen dem Positivdenken des Spielmanns
      (Petro Ostapenko) und den negativen Denken der Hexe herausgearbeitet.
      Unterstützt wird die Handlung vom Opernchor des MiR und dem Opern-
      Kinderchor der Chorakademie Dortmund. Beide Chöre sind ganz wichtige
      Elemente, sind sehr präsent. Sie agieren auch öfter mal nur als Statisten,
      wenn sie z.B. der Gänsemagd die Grenzen ihrer Handlungsfreiheit auf-
      zeigen. Ein großes Lob geht an die kleine und doch so große Ann-Beatrice,
      die Mitglied des Kinderchors mehrfach als junge Solosängerin überzeugen
      konnte. Dazu gehört mit ca. neun Jahren schon richtig viel Mut.

      Stimmlich sind die Hauptrollen mit Martin Homrich, Almuth Herbst, Petro
      Ostapenko und Bele Kumberger ein Genuss. Es sind großartige Partien, die
      sehr gut miteinander harmonieren. Die Texte sind wirklich schwierig zu
      merken. Am Premierenabend hatte die Souffleuse viel zu tun, ohne dass
      man es gemerkt hätte. Zum Gelingen trägt natürlich die neue Philharmonie
      Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann bei. Es sind schon sehr
      schöne Klänge, die Engelbert Humperdinck hinterlassen hat. Wenn man
      dann auch noch die tolle Akustik im MiR bedenkt, war das ein ganz feiner
      Abend.

      Warum achten die Menschen nur immer auf Äußerlichkeiten? Kann der arme
      Schweinehirt nicht doch ein verkappter Königssohn sein? Warum fehlt ihnen
      die Empathie für ihre Mitmenschen? Inhaltlich überträgt sich das Thema der
      Oper spürbar auf unsere Zeit.

      Es ist ein typisches MiR-Stück, selten gespielt und richtig toll inszeniert.
      Es fühlt sich an, als wäre es für das MiR geschrieben worden. Tobias Ribitzki
      hat den schmalen Grat gefunden, nicht übertrieben modern zu inszenieren,
      und trotzdem modern zu wirken. Um alle Details zu erkennen, müsste man
      es ein zweites Mal sehen.

      Datum: 24. November 2018 (Premiere)

      musiktheater-im-revier.de