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      Erik Kessels ist nicht nur ein spannender Mensch und ein erfolgreicher Werber,
      sondern auch ein großer Sammler von Fotografien, insbesondere unperfekte,
      alltägliche Motive. Sein ganzes Spektrum an kreativer Sammelleidenschaft ist in
      der klasse Ausstellung "Erik Kessels & Friends" in NRW-Forum zu bewundern.

      Es sind oft Fundstücke, die er auf diversen Trödelmärkten europaweit entdeckt.
      Über 15.000 Fotoalben sind seine Inspirationsquelle. Darin enthalten sind Fotos
      von Menschen, die völlig alltägliche Dinge abgelichtet haben. Für den fremden
      Betrachter wirken diese Ansichten oft kurios. Sie erzählen eine Geschichte, die
      wir gedanklich weiterspinnen. Warum fotografiert ein Paar immer wieder seinen
      schwarzen Hund, der aufgrund der Fellfarbe kaum zu erkennen ist? Eine Dame
      hat über Jahrzehnte jedes Jahr am Schießstand ein Foto von sich geschossen.
      In der Ausstellung steht tatsächlich eine Schießbude, wo man pro Treffer ein
      Polaroid von sich schießen kann. Thematisiert wird ebenso die Leidenschaft,
      auf Reisen oder bei Ausflügen sie und ihn vor demselben Motiv in Pose zu foto-
      grafieren, gerne in der Natur. Dabei entfernt sie sich Jahr für Jahr als Motiv
      immer weiter weg. Kurios ist die Geschichte eines Taxifahrers, der über Jahre
      eine körperbehinderte Frau als Begleiter in den Urlaub kutschiert hat. Auf jedem
      Erinnerungsfoto ist u. a. das Taxi mit der Frau darin zu sehen. Man entdeckt
      Fotoreihen eines balancierenden Hasen oder Zeitungsfotos von Gedenkminuten
      nach 9/11 an verschiedenen Orten. Normale Polizeibeamte werden für einen
      Moment zu Models und präsentieren diverse Uniformen, aufgereiht in Lebens-
      größe. Ein Raum ist voll mit vergilbten Portraitfotos von Einwanderern in Berlin.
      Wirklich schräg sind die Motive in einem großen Guckkasten.

      Da geschätzte 80% aller Fotos im Web eher pornografisch sind, finden diese
      ironisch ihren Platz in der Ausstellung. Halbnackte Damen wurden provokant
      von einem italienischen Hersteller auf Särgen platziert, in Anlehnung an die
      versprochenen Jungfrauen im muslimischen Glauben. Die Plattitüden der
      Fotografie symbolisiert eine dumm dargestellte Blondine, die ihren roten
      Sportwagen im Schlamm festfährt. Die banalen Abgründe der Neuzeit tauchen
      also auch kurz auf.

      Bei ein paar Fotoprojekten war auch Erik Kessels persönlich beteiligt. So
      fotografierte er bei seinen Kindern stets blutig alle kleinen Verletzungen im
      Gesicht, bevor ein Pflaster drauf kam. Schön ist auch das ungewollte fotogra-
      fische Beiwerk auf seinen Fotos. Er hat die völlig unbeteiligten Menschen aus
      dem Hintergrund singulär gestellt und lebensgroß zu Hauptdarstellern gemacht.
      Kurios, wie so viele seiner tollen Ideen und Gedanken bei seinen Arbeiten. Eher
      traurig ist ein Film mit ihm und seiner Schwester beim Ping Pong. Sie, damals
      neun Jahre alt, verunglückte damals vier Wochen später. Er trägt sie noch
      immer gedanklich bei sich. Ein zerlegter Fiat Topolino mit fotografischer Doku-
      mentation erinnert an seinen Vater, der diesen nicht vollständig restaurieren
      konnte, da er einen Schlaganfall erlitt und drei Jahre lang weder essen noch
      sprechen konnte, sein Werk aber nun einigermaßen wiedergenesen vollenden
      möchte.

      Diese gelungene Ausstellung ist voll mit Geschichten, die das Leben so
      schreibt. Erik Kessels zeigt bebilderte Ausschnitte unserer tatsächlich
      unperfekten Gesellschaft und lässt den Betrachter in die privaten Lebensver-
      hältnisse anderer eintauchen. Heraus kommt dabei immer ein persönliches
      Zerrbild der wahren Personen. Diese Ausstellung präsentiert das Gegenteil
      unserer heute fotografisch perfekt erscheinenden Werbewelt.

      Laufzeit: 12. August bis 5. November 2017

      www.nrw-forum.de