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      „Das Prinzip Jago“ im Grillo Theater in Essen ist ein wahrlich besonderes Stück.
      Aktueller kann Theater nicht sein und besser dargeboten auch kaum. Die exzel-
      lente Leistung der Schauspieler geht einher mit der Inszenierung, unheimlich
      spannend, hochklassig und dramatisch. Nach über drei Stunden gab es zur
      Premiere der Uraufführung verdient einen langen und ehrlichen Applaus für
      die großartige Leistung. Regie führte Volker Lösch, unterstützt von Oliver
      Schwering und Ulf Schmidt.

      Es ist kein leichter Stoff, was bereits der Titel andeutet. Was ist überhaupt ein
      Jago? Für diese Antwort müsste man eigentlich das gesamte Stück verfolgen.
      Kurz gesagt, ein Jago ist ein Mensch, dem das Zerstören gewisser Strukturen
      wichtig ist. Er ist gerne im rechten Milieu tätig, steht für fremdenfeindliche
      und rassistische Meinungen und dreht die Wahrheit immer so, wie sie ihm nützt.
      Manipulation und Inszenierung sind ihm nicht fremd. Auch falsche Verleum-
      dungen können seiner Absicht nützen, bis unschuldige Menschen sterben
      müssen, die für eine weltoffene Gesellschaft eingetreten sind. Von brauner
      Gewalt lassen sie die Finger, sondern sind ausschließlich rhetorisch unterwegs
      und stiften so den braunen Mob an. Besonders im sog. „Dunkeldeutschland“,
      aber auch im Westen versuchen einige Jagos heute schon ihr Glück.

      Das Stück ist sehr aktuell in Essen verortet. Ein Fernsehsender wird zunächst
      für seine soziale und weltoffene Berichterstattung mit einem Medienpreis geehrt.
      Es ist intern das typische Mit- und Gegeneinander. Die Mitarbeiter Nick Walter
      (Stefan Diekmann) und sein Helfer Ben Sützl (Thomas Meczele) sind es leid.
      Sie untergraben den Sender subversive und inszenieren eine kleine Szene mit
      protestierenden Flüchtlingen. Aus vier werden plötzlich 5.000, die in der Innen-
      stadt demonstrieren. Die Lage gerät außer Kontrolle, auch im Sender. Man ist
      ganz dicht dran am Geschehen. Live-Schalten und aus dem Ruder laufende
      Interviews sorgen für Skandale. Alles läuft ganz nach dem Fahrplan von Nick. Er
      spinnt die Fäden, tänzelt lässig, smart und siegessicher über den Laufsteg in
      Form eines Nachrichtenpults, lässt ein deutsches Kind entführen, streut ständig
      unbestätigte Gerüchte und ermöglicht der rechten AFE-Tussi Petra Bolz (Silvia
      Weißkopf) den großen Auftritt im Studio, eine beeindruckend gespielte Hetz-
      kanonade gegen alles was nicht deutsch ist und eine erschreckende Parodie
      auf Frauke Petry.

      Dabei spielen Nick die Netzwerke im Internet perfekt in die Hände. Über Twitter
      werden böse Gerüchte rasend schnell verbreitet, die immer größer und zu
      Geschichten werden, bis sogar CNN die Live-Schalten des Essener Senders
      weltweit übernimmt. Langsam verliert der stets auf Seriosität bedachte Chef-
      redakteur Ulrich Sommer (Thomas Büchel) das Heft aus der Hand. Er wird, am
      Ende gebrochen, sogar von Nick genötigt, den Arm zum Gruß zu heben. Schlag-
      worte wie „1000 Jahre“ oder „Lügenpresse“ fallen aus Nicks Mund, lupenreiner
      Nazi-Jargon. Auch der Bürgermeister von Essen, Frank Baecker (Jan Pröhl),
      flüchtet in Nichts sagende Durchhalteparolen, wird nervös. Der Sender wird
      immer mehr zum Sprachrohr der Rechten, nur Anja Luhman (Jaela Carlina
      Probst) kämpft in ihren Außenreportagen gegen die fremdenfeindliche Hetze an,
      wird aber von Nick als links verspottet und endet tragisch. Den Chefredakteur
      hat Nick da schon lange geschickt degradiert.

      Szenisch wird die Aufführung durch zahlreiche Film-Einspieler begleitet, was
      das Geschehen noch stärker dramatisiert. Wir leben in einer Welt von Bildern
      und können real oder inszeniert gar nicht mehr unterscheiden. Es werden
      Twitter-Kommentare eingeblendet, Reaktionen auf die bösen Gerüchte von Nick.
      So schaukelt sich das Geschehen immer weiter auf. Es werden sogar Anlei-
      tungen vorgetragen, um noch deutlicher zu machen, wie man mit rechter Propa-
      ganda in den Medien diese und die Gesellschaft sehr geschickt untergraben
      kann. Schauspielerisch ist das Stück höchst anspruchsvoll und ganz toll umge-
      setzt. Man verlegt das Geschehen sogar teilweise in den Zuschauerraum. Der
      Zuschauer wird so unfreiwillig mit hinein gezogen. Nick möchte man nicht zu
      nahe sein. Allerhöchsten Respekt vor den Leistungen des Ensembles und aller
      Mitwirkenden hinter den Kulissen! Als Zuschauer hat man das Gefühl, das böse
      Geschehen aufhalten zu wollen, doch man ist ohnmächtig an seinen Platz
      gefesselt.

      „Das Prinzip Jago“ ist eine eindringliche Mahnung, die rechten Demagogen in
      ihre Schranken zu weisen, denn wenn diese erst das Chaos angerichtet haben,
      ist es zu spät. „Augen auf“, um mal Sarah Connor zu zitieren.

      Datum: 1. Oktober 2016, Premiere

      www.schauspiel-essen.de