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      "Iwanow" lautet der Titel des Schauspiels, mit dem das Schauspiel Bochum
      nach dem Wasserschaden wieder das große Haus eröffnet. Intendant Johan
      Simons hat nicht nur eine Starbesetzung auf der Bühne, sondern auch selbst
      Regie geführt. Das Ergebnis kann sich gut sehen lassen. Drei Stunden und
      50 Minuten, plus zwanzig Minuten Pause, muss man allerdings ausharren.
      Tschechows Stoff ist ein wahrer Blockbuster mit Humor und einer außerge-
      wöhnlichen Note.

      Melancholie kann so schön sein. Sie kann allerdings auch Menschen
      seelisch erdrücken. Iwanow ist so ein Mensch. Seinem Gut geht es finanziell
      schlecht. Er steht bei Leuten in der Kreide, ohne Chance seine Schulden
      zurück zu zahlen. Die Ehe mit Anna (Jele Brückner) versprach zwar eine
      nicht unerhebliche Mitgift, doch Annas Familie distanzierte sich von ihr. Als
      sie schwer erkrankt, lässt er sie fallen. War er jemals fähig sie zu lieben?
      Iwanow ist sehr mit sich selbst beschäftigt, wirkt matt, grübelt und vergisst
      dabei seine Umgebung. Alkohol, wie bei vielen anderen vom Leben frustrier-
      ten Figuren im Stück, ist für ihn keine Lösung. Nüchtern erträgt er sich selbst
      aber auch nicht. Was also machen? Wirklich Hoffnung auf ein neues
      Lebensglück fehlt ihm zusehends. Neue Ziele sind ihm völlig fern. So schläng-
      elt er sich in einer Art goldenen Käfig dem Abgrund entgegen. Das alles wird
      hervorragend von Jens Harzer gemimt. Er spielt nicht nur ganz außerordent-
      lich die Hauptrolle, sondern ist auch ganz frisch ernannter Träger des Iffland-
      Rings, eine der höchsten Auszeichnungen für Schauspieler im deutschen
      Raum.

      Warum muss dieses Stück so lang sein? Veranschlagt waren drei Stunden
      und 45 Minuten, inkl. Pause. Die Premiere hatte deutlich überzogen. Teil
      eins bis zur Pause dauert volle zwei Stunden. Es ist die Hinführung und
      Einleitung in das Problem der Figuren. Sie leben in der russischen Provinz,
      fern ab von jeder Vergnügungsmöglichkeit. Langeweile ist das Thema. Man
      trinkt und verliert den Spaß am Leben. Ihre Mattheit ist nicht zu übersehen.
      Finanziell geht es ihnen oft schlecht, auch dem Adel. Das Leben fühlt sich
      an wie ein Klotz Blei. "Was ist nur los mit mir?", wirft Iwanow fragend in den
      Raum. Der Gutsleiter (Thoms Dannermann) geht ihm mit seinen Ideen auf
      den Geist und der Graf sprüht auch nicht gerade vor Lebensfreude. Da ist
      der immer ehrliche und junge Arzt (Marius Huth) mit seinen Moralvorstel-
      lungen die absolut falsche Person für Iwanow. Sie werden Gegenspieler.
      Alle verfallen in eine kollektive, depressive Stimmung. Entsprechend wird die
      Langeweile auf der Bühne zelebriert. Es ist aber trotzdem durchaus relativ
      kurzeilig präsentiert. Trotzdem ist der Teil bis zur Pause eine große Prüfung
      für die Akteure auf der Bühne und die Zuschauer.

      Nach der Pause beginnt die Aufarbeitung der Probleme, zunächst mit
      Wodka und ohne Iwanow. Immer wieder glänzt der großartige Bernd
      Rademacher mit seiner Art in der Rolle als Kreditgeber. Er versucht Iwanow
      zu helfen, wo er nur kann. Iwanow aber erkennt mehr und mehr die Aussichts-
      losigkeit seiner Situation. Er beschreibt sehr genau die Ursachen seiner
      Notlage, sieht sich nicht mehr in der Lage neue Lebenspläne zu schmieden.
      Da ist die Hochzeit mit der jungen Sascha (Gina Haller), ein kluges Töchter-
      chen seines Kreditgebers, zwar eine Option, aber der fühlt er sich schluss-
      endlich nicht gewachsen, obwohl sie aus ihm einen neuen Menschen machen
      möchte und alle ihm gut zureden. Iwanow möchte ein aufrichtiger Mensch
      sein, der nach dem Tod seiner Frau Anna nicht wieder in eine finanziell
      notwendige Ehe einwilligen möchte. Die Hochzeit platzt. Am Ende ertönt ein
      Schuss, die logische Konsequenz einer ausweglosen Situation?

      Nach der Pause gewinnt die Aufführung deutlich am Tempo. Die Dialoge
      entwickeln sich spannend. Man hängt ihnen hochkonzentriert an den Lippen.
      Kleine Lacher sorgen immer wieder mal humorvolle Zwischentöne, die
      vereinzelt auch nicht im Drehbuch stehen. Jens Harzer versteht es auch mal
      kleine Pannen klasse zu überspielen. Das Publikum hat dafür ein ganz
      feines Gespür und schmunzelt. Schauspielerisch gibt es generell absolut
      nichts zu meckern. Knapp vier Stunden auf der Bühne erfordern auch von
      Schauspielern eine große Kondition. Großer Respekt für diese Leistung!

      Datum: 18. Januar 2020

      www.schauspielhausbochum.de