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Live-Stream 'Iwanow' im Schauspielhaus Bochum
"Iwanow" lautete der Titel des Schauspiels, mit dem das Schauspiel Bochum die Pandemiezeit überbrückte. Intendant Johan Simons hatte nicht nur eine Starbesetzung auf der Bühne, sondern führte auch selbst Regie. Das Ergebnis war hervorragend. Tschechows Stoff ist ein wahrer Blockbuster mit Humor und einer außergewöhnlichen Note.

Melancholie kann so schön sein. Sie kann allerdings auch Menschen seelisch erdrücken. Iwanow ist so ein Mensch. Seinem Gut geht es finanziell schlecht. Er steht bei Leuten in der Kreide, ohne Chance seine Schulden zurück zu zahlen. Die Ehe mit Anna (Jele Brückner) versprach zwar eine nicht unerhebliche Mitgift, doch Annas Familie distanzierte sich von ihr. Als sie schwer erkrankt, lässt er sie fallen. War er jemals fähig sie zu lieben? Iwanow ist sehr mit sich selbst beschäftigt, wirkt matt, grübelt und vergisst dabei seine Umgebung. Alkohol, wie bei vielen anderen vom Leben frustrierten Figuren im Stück, ist für ihn keine Lösung. Nüchtern erträgt er sich selbst aber auch nicht. Was also machen? Wirklich Hoffnung auf ein neues Lebensglück fehlt ihm zusehends. Neue Ziele sind ihm völlig fern. So schlängelt er sich in einer Art goldenen Käfig dem Abgrund entgegen. Das alles wird hervorragend von Jens Harzer gemimt. Er spielt nicht nur ganz außerordentlich die Hauptrolle, sondern ist auch ganz frisch ernannter Träger des Iffland-Rings, eine der höchsten Auszeichnungen für Schauspieler im deutschen Raum.

Die Produktion hatte im Januar 2020 Premiere, damals noch mit Publikum. Für den Live-Stream musste man umdenken, alles auf Abstand und mit acht Kameras dokumentiert. Das Ergebnis konnte sich wunderbar sehen lassen. Es wurde kürzer, knackiger und behielt trotzdem seinen spannenden Charakter. Die Naheinstellungen ließen die Langeweile, sowie die emotionalen Szenen, ob traurig oder aufbrausend, richtig intensiv erscheinen. So gerne man im Publikum sitzen würde, so interessant kann eine live gefilmte Vorstellung sein. Der ganze Bühnenraum wird zur Spielfläche, aus allen möglichen Perspektiven. Da wird die geplante Hochzeit mit der jungen Sascha (Gina Haller), ein kluges Töchterchen seines Kreditgebers, zu einem berührenden Drama. Iwanow möchte ein aufrichtiger Mensch sein, der nach dem Tod seiner Frau Anna nicht wieder in eine finanziell notwendige Ehe einwilligen möchte. Die Hochzeit platzt. Am Ende ertönt ein Schuss, die logische Konsequenz einer ausweglosen Situation? Sehr gut vom Kamerateam eingefangen.

Das Stück passte so wunderbar in unsere außerordentliche Zeit ohne große Freizeitmöglichkeiten und chaotischer Zukunftsperspektive. Sie leben in der russischen Provinz, fern ab von jeder Vergnügungsmöglichkeit. Langeweile ist das Thema. Man trinkt und verliert den Spaß am Leben. Ihre Mattheit ist nicht zu übersehen. Finanziell geht es ihnen oft schlecht, auch dem Adel. Das Leben fühlt sich wie ein Klotz Blei an. "Was ist nur los mit mir?", wirft Iwanow fragend in den Raum. Der Gutsleiter (Thoms Dannermann) geht ihm mit seinen Ideen auf den Geist und der Graf sprüht auch nicht gerade vor Lebensfreude. Da ist der immer ehrliche und junge Arzt (Marius Huth) mit seinen Moralvorstellungen die absolut falsche Person für Iwanow. Sie werden Gegenspieler. Alle verfallen in eine kollektive, depressive Stimmung und sterben sogar an Tuberkolose, einer Lungenkrankheit.

Schauspielerisch war es ganz große Klasse. Gina Haller, die ganz frisch mit dem „Kunstpreis 2021 der Akademie der Künste“ in Berlin ruhmreich dekoriert wurde, glänzt durch ihren jugendlichen Rollencharme, wie auch Jens Harzer als tragisch-melancholische Figur. Sie sind füreinander gemacht und doch nicht in der Lage, sich zu finden. Die allgemeinen Hygieneregeln auf der Bühne verdeutlichen dies umso mehr. Großer Respekt an alle Beteiligten für diese Gesamtleistung!

Das Schauspiel Bochum bietet im April weitere echte Live-Streams an. Am 10. April steht noch einmal „King Lear“ auf dem Programm und am 17. April darf man sogar tatsächlich der Online-Premiere von „Peer Gynt“ beiwohnen. Die Bochumer Theatermacher lassen ihr Publikum, das sich mittlerweile aus aller Welt zuschaltet, nicht im Stich. Danke dafür sowie für die stets hochinteressanten Nachgespräche.

Datum: 26. März 2021

www.schauspielhausbochum.de