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Schauspiel 'Iphigenia' im Schauspiel Duisburg
Mit "Iphigenia" von Gray Owen zeigt das Schauspiel Duisburg ein sehr beeindruckendes Solo-Stück, das uns allen deutlich und berührend die unzureichenden Zustände unserer gesellschaftlichen Umwelt vor Augen führt. Ein überaus überzeugende Sozialdrama, das uns alle betreffen kann. Regie führte Ariane Kareev.

Der Stoff springt von der Antike quasi brutal in unsere Gegenwart. Nur so kann man tatsächlich die Dinge ansprechen, um die es geht. Dabei handelt es sich um grundlegende, existentielle Aspekte, die sich in sichtbarer Schieflage befinden. Kaum noch bezahlbare Wohnungen, kleine Renten und ein Gesundheitssystem, das sich an wirtschaftlichen Kenndaten orientiert sowie die unsoziale Arroganz derer, denen es finanziell gut geht, stehen inhaltlich im Mittelpunkt des Stücks.

Es ist Iphigenia, die von Sina Ebell hervorragend im Raum gespielt wird. Die Besucher sitzen dabei auf gepolsterten Bierkästen im Foyer 3 verteilt. Auf den ersten Blick wirkt Iphigenia wie ein zorniges, lautes Mädchen, das die Gegebenheiten der Gesellschaft bewusst sprengt und dabei nicht sehr wohlhabend lebt. Ohne ihre Oma sähe es finanziell schlecht aus, wobei die selbst als Rentnerin noch arbeiten gehen muss. Iphigenia lebt in einer Wohngemeinschaft, in einem eher ärmlichen Stadtteil. Einen Ausweg zu finden hat sie offensichtlich schon länger aufgegeben. Tagelang verkriecht sie sich im Bett oder konsumiert regelmäßig zu viel Alkohol. Die sie umgebenden Menschen betrachten sie als Nutte oder Pennerin, machen einen Bogen um sie. Doch da ganz unten, so ganz alleine mit sich selbst, möchte sie raus.

Wenn man Iphigenia mal in ihre Seele blickt, dann ist sie eigentlich gar nicht das laute Ungeheuer, das unsensibel seine Umwelt terrorisiert. Sie weiß ganz genau was zu tun ist, obwohl sie immer wieder zu Boden getreten und ausgelacht wird. Wehren könnte sie sich, sogar sehr lukrativ, aber Geld bedeutet ihr nicht sonderlich viel und so wie die, die sie verachten, möchte sie nicht werden. Ihr geht es um die Prinzipien des sozialen und menschlichen Zusammenlebens.

Besonders berührend ist ihr Entschluss, ihr Kind zu behalten und nicht abzutreiben. Ein Hoffnungsschimmer für ein besseres Leben? Für ihn war es nur ein einmaliger Spaß, während sie in ihm mehr sah. Iphigenia wollte raus aus der bedrückenden Einsamkeit. Sie hat ihm jedoch nie etwas von der Schwangerschaft erzählt, aus Rücksicht auf sein kleines Kind, denn er ist ein Familienvater, in einem besseren Wohnviertel. Das zeugt von Größe.

Ein bedeutender Aspekt des Stücks ist die erschütterliche Darstellung unseres Gesundheitssystems. Privatpatienten im grauen Anzug bekommen jede Vorzugsbehandlung, obwohl Iphigenia diese nötiger gehabt hätte. Die wichtige medizinische Versorgung wurde ihr verwehrt. Der Personalmangel und wirtschaftliches Denken der Klinikchefs sind Alltag in unseren Krankenhäusern. In diesem Punkt wird das Desaster unseres kranken Gesundheitssystems tragisch thematisiert.

Das sehr beeindruckende Stück beschreibt erschütternd und schließlich ernüchternd, dass ein Ausweg aus dem sozialen Abseits extrem schwierig ist. Ist man einmal ganz unten angekommen, spürt man die Tritte der teuren Stiefel besonders hart.

Datum: 1. Oktober 2020, Premiere

www.duisburg.de