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      Ersan Mondtag inszeniert am Schauspiel Dortmund. Der Shootingstar der Regie
      und bester Nachwuchsregisseur 2016 hat sich "Das Internat" vorgenommen.
      Das Ergebnis ist eine sehr sehenswerte, quasi doppelte Revolution, szenisch
      und inhaltlich zeitlos dargeboten. Man kann Mondtag sogar hellseherische
      Fähigkeiten bezüglich der politischen Stimmungslage in Deutschland
      attestieren.

      Als man sich mit Mondtag auf eine Zusammenarbeit verständigte, schlug er das
      Thema Internat vor. Es ist ein Ort von augenscheinlicher Ordnung, aber auch
      von stets subtiler Anarchie. Es ist ein Mikrokosmos einer Gruppe von jungen
      Menschen, die dort ein Refugium auf Zeit gefunden haben und sich dort unter-
      ordnen müssen. Man ließ ihn jedenfalls mal machen. Herausgekommen ist eine
      Aufführung, die es so weit und breit wohl noch nie gegeben hat. Unheimlich
      bildhaft und extrem außergewöhnlich, mit einem großen Hang zur bildenden
      Kunst, vermittelt das Thema Internat viel mehr, als man auf den ersten Blick
      meint. Dazu bedarf es nicht mal viel Text.

      In seiner Geschichte sind es 17 junge Menschen eines Internats an einem nicht
      definierten Ort. Lehrer gibt es keine. Sie müssen sich selbst organisieren, Struk-
      turen bilden und interne Hierarchien akzeptieren. Wer quer schließt, der hat
      nichts mehr zu lachen. Alle speisen im gleichen Rhythmus ihrer Löffel und beten
      einstimmig gemeinsam ihre Vorstellungen von der Gesellschaft herunter. Alles
      erscheint relativ geordnet. Es gibt einen Anführer, Soldaten, Mitläufer und
      natürlich ein Opfer. Mauern, Geländer und jede Menge Waffen verhindern
      aus diesem Kosmos auszubrechen. Hier kommt man eigentlich nicht raus,
      sollte aber auch seinem Nebenmann niemals trauen. Man duscht, lernt oder
      schläft, alles im Rhythmus der spannenden Drehbühne, die immer wieder neue
      Bilder produziert.

      Wäre da nicht die geheimnisvolle Stimme aus dem Off (Alicja Rosinski). Wer
      ist dieses "kalte Kind"? Ein ehemaliges Opfer, das als Geist anwesend ist?
      Die Gruppe hat es damals gefesselt und nackt im Schnee liegen gelassen, so
      viel ist bekannt. Dieses zunächst nicht sichtbare Wesen erkennt die subtilen
      Differenzen unter den Schülern. "Wir leben auf einer Insel der Ahnungslosen.
      Eines Tages, da werden sich uns die Augen öffnen. ... Entweder wir bleiben
      Knechte, oder wir machen uns frei." Gemeinsam mit dem Opfer mischt es den
      Laden langsam auf. Es werden immer mehr heimliche Revolutionäre, bis das
      Gefüge offen stark zu bröckeln beginnt. Das Gruppe-Opfer-Verhältnis kippt
      ins Gegenteil. Plötzlich ist das Schwache stark und das "kalte Kind", wie auch
      das Opfer, legen ihre Masken ab.

      Unterstützt wird die archaisch wirkende Handlung von einem sagenhaften
      Bühnenbild, das extrem aufwendig und dicht ist. Die Vorliebe für Malerei ist
      Mondtag nicht abzusprechen. Anlehnungen an die Kunstgeschichte sind nicht
      zu übersehen. Es ist ein Kunstwerk mit verschiedenen Räumen wie ein Schlaf-
      saal, ein Esszimmer, ein Duschraum oder ein Dachgarten. Die gemalten Bäume
      wirken fast wie Skelette und Türen haben immer etwas zu verbergen. Weißer
      Rauch hängt häufig über dem alten Gemäuer. Es gruselt beim Hinschauen.
      Dazu passen perfekt die Kostüme. Bühne und Kostüme stammen ebenso von
      Ersan Mondtag. Hautenge Bodys wurden im Stil des Expressionismus mit
      breiten Pinselstrichen toll bemalt. Die Figuren wirken wie aus einem Gemälde
      gefallen. Ihre Gesichter sind einheitlich bleich strukturiert gehalten. Edvard
      Munch lässt ästhetisch grüßen. Mimik, Körpersprache und Blicke sind wichtige
      Elemente der Darstellung und ersetzen so häufig die verbale Sprache. Messer,
      Schusswaffen und Peitschen sprechen außerdem eine deutliche Sprache. Was
      gesagt wird, das hat aber Klarheit und Tiefgang für Interpretationen. Eichendorffs
      "Zwielicht" wird mehrfach als Chor zitiert. Man lauscht gebannt jeder Zeile.

      Absolut packend ist der Soundtrack von T. D. Finck von Finckenstein. Drama-
      tisch, wie in einem Thriller, kommt er daher. Das geheimnisvolle Grummeln der
      Aufführung wird auch musikalisch sehr treffend umgesetzt. Tierlaute hört man
      im fahlen Licht der Nacht. Der Wind pfeift gespenstisch um die Ecke. Selbst ein
      Streichquartett und elektronisch pulsierende Musik sind dabei. Das Ende des
      Anführers läutet geschickt das laute Ticken einer Uhr ein. Der Sound ist ein
      Genuss, wie auch das perfekte Licht für die gruselige Schönheit der
      Inszenierung.

      Das Stück ist so ganz anders strukturiert als alles andere auf diversen Bühnen.
      Es fesselt durch seine extrem außergewöhnliche Inszenierung. Man findet so
      viele gesellschaftliche Assoziationen, seien es diverse Terrorgruppen, ganze
      Familien oder Vereine. Ungewollt schafft es Mondtag sogar, das aktuell interne
      Chaos einer sozialdemokratischen Partei sehr offensichtlich und bildhaft-treffend
      darzustellen. Der im Stück namenlose Anführer, der kein gutes Ende nimmt,
      bekommt so einen möglichen Namen. "Bim bam, hier kommt die Säge, hier
      kommt die Axt, aus Tannholz ist dein Sarg gemacht und schaurig rühren sich
      die Bäume." Es sind klare und doch deutungsvolle Worte, die dieses sehr
      interessante Stück prägen. Jeder Betrachter bekommt sehr viel Freiraum, das
      Stück persönlich für sich zu interpretieren.

      Die Abbildungen nebenan sind tatsächliche Szenenfotos, keine gemalten
      Grafiken.

      Datum: 16. Februar 2018, Schauspiel Dortmund

      www.theaterdo.de