abenteuer-ruhrpott.info Aktuelles abenteuer-ruhrpott.info
Freizeittipps
Veranstaltungen
Ausstellungen
Bücher / Musik
Kontakt
Impressum
Schauspiel 'Innen.Nacht' als Live-Stream im Theater Oberhausen
Wenn die Politik die KünstlerInnen nicht zu annehmbaren Bedingungen auf die Bühne lässt, so kommt das Theater zu den Menschen. Die Theatermacher aus Oberhausen haben dies per Live-Stream getan und mit ihrem Stück „Innen.Nacht“ voll überzeugt. Es ist ein Untergangszenario der Menschheit, berührend und beeindruckend zugleich. Regie führte Bert Zander.

Das Stück ist eine Zeitreise Millionen Jahre entfernt, ein Rückblick und eine Aufarbeitung der Zeitepoche Menschheit, die sich auf dem Planeten Erde selbst ausgerottet hat. Bereits der Beginn erzeugt Gänsehaut und Kopfnicken. Ja, so waren sie, die Menschen auf der Erde. Lauter negative Nachrichten begleiteten sie, doch sie lernten nicht daraus. Sie liebten die Bequemlichkeit, kapitalistische Auswüchse, ausschweifenden Konsum, unpersönliche Kommunikation via Smartphone, kastrierten ihre Umwelt oder wählten PolitkerInnen, die von einer Pleite in die nächste schlidderten. Rassismus bevölkerte die Erde. Flüchtlinge riskierten ihr Leben auf dem Meer und gelangten in die Hölle, über oder unter Wasser. Der Außenraum entwickelte sich immer lebensfeindlicher. Es gab Gewalt in Familien, von Seiten des Staates oder der Kirche. Privatsphäre wurde zum Fremdwort. Es musste immer höher, schneller und weiter sein. Die Menschen wirkten ausgebrannt, wobei die seelischen Frakturen immer stärker sichtbar wurden. Sie häuften jede Menge Wissen an, doch zu klugen Veränderungen kam es nicht. Einzelne siedelten über zu anderen Planeten, doch auch das war ein Zeichen des Versagens. Das Überleben stand nicht auf dem Plan der Utopie. Wie hat sich wohl der letzte Mensch auf der Erde gefühlt?

Die Schauspieler erscheinen als filmische Videoproduktionen. Nur die Astronautin (Luna Schmid), die sich die Mühe macht, noch einmal auf der menschenleeren Erde vorbeizuschauen, ist leibhaftig in einem mulmig wirkenden Raum mit fahlem Licht, der eine Mischung aus einem angestaubten Dachboden und einem Kulissenlager eines Theaters darstellt. Die filmischen Gestalten aus der Vergangenheit in Person von Torsten Bauer, Christian Bayer, Clemens Dönicke, Anna Polke und Agnes Lampkin zitieren Texte, die ihre persönliche Biografie betreffen, aber auch Gedanken von Édouard Louis, Ulla Hahn, Daniel Schreiber, Stefanie-Lahya Aukongo und Roger Willemsen aufnehmen. Es dreht sich sehr berührend um das Leben in der DDR, das Aufwachsen als Scheidungskind ohne Vater oder die menschenunwürdige Behandlung als Flüchtlingskind in der ersten Welt. Wie definiere ich das Wort Zuhause? Am Ende werden alle projizierten Figuren zu einem Ensemble zusammengerückt, die Menschheit als barockes Gemälde der Vergangenheit.

Sehr wohltuend fällt das uns leider täglich begegnende C-Wort in keiner Szene. Dieses Virus war wohl eine kaum erwähnenswerte Episode der Geschichte, denn als das größte Virus hat sich am Ende der Mensch als Individuum oder Teil der überforderten Masse erwiesen.

Dieses Untergangsszenario ist extrem kurzweilig, melancholisch, mahnend und mit mit einem richtig klasse Soundtrack von Martin Engelbach live unterlegt. Man hängt den Akteuren konzentriert an den Lippen und reflektiert dabei sein eigenes Verhalten. Die gut 90 Minuten wurden inhaltlich und technisch extrem aufwendig produziert. Ein großes Lob an alle Beteiligten.

Datum: 13. März 2021, mindestens ein weiterer Live-Stream am 1. April 2021

www.theater-oberhausen.de