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      Mit "The Humans. Eine amerikanische Familie" von Stephen Karam zeigt das
      Schauspielhaus Bochum eine europäische Uraufführung, die hart, intensiv und
      dabei sehr gut inszeniert ist. Das Thema vom Schein und Sein der amerika-
      nischen Familie fesselt und regt die Gedanken an. Regie führte Leonard Beck.

      Heute ist heute und alles ist gut. So redet es sich Familie Blake ein. No
      Problems! So kommen Erik (Bernd Rademacher), seine Frau Deirdre (Johanna
      Eiworth) mit ihrer ersten Tochter Aimee (Kristina Peters) zum Thanksgiving bei
      ihrer zweiten Tochter Brigid (Karolina Horster) und ihrem Freund Richard
      (Michael Kamp) in New York zusammen. Da ist auch noch "Momo" (Nina
      Wurman), Eriks Mutter, die in ihrer eigenen Welt lebt. Erik und Deirdre
      pflegen sie zu Hause. Die Wohnung von Brigid ist neu bezogen und die Möbel
      sind angeblich noch nicht da. Es ist ein Appartement in Chinatown, über zwei
      Etagen. Wenn man im Keller auf Tageslicht verzichtet, kann man sich mehr
      Quadratmeter leisten. Es ist ein erster Fingerzeig bezüglich der wahren
      Lebenssituation. Natürlich sind sie eine erfolgreiche Anwaltsgehilfin, seit 28
      Jahren Hausmeister einer Schule, ein toller 38-jähriger Student oder eine
      gefragte Komponistin, die ihren Traum lebt. "Alles ist gut, alles ist ok." Und
      doch haben sie gar keinen Grund zum Feiern, denn jeder trägt seine eigene
      Katastrophe mit sich herum.

      Es treffen also viele verschiedene Menschen aufeinander. Geschenke haben sie
      dabei. Sie nennen sie Care-Pakete. Es sind praktische Dinge des täglichen
      Bedarfs, die sonst zu teuer sind. Langsam kristallisieren sich die finanziellen
      Schwierigkeiten immer stärker heraus. Statt Blaubeeren kauft man Muffins mit
      Blaubeeren. Diät ist plötzlich in. Negative Themen werden positiv verdreht oder
      erst gar nicht lange diskutiert. Es schmerzt zu sehr. Das Altenheim für die
      Großmutter ist zu teuer. Für die Pflege nimmt man Schulden auf. Man hat den
      Job verloren oder kämpft mit diversen Krankheiten. Medizinische Hilfe und der
      Alltag werden zu teuer. Was ist denn nun mit dem geplanten Häuschen am
      See? Während Mutter Deirdre versucht sich die Probleme konfus fortzureden,
      wirkt ihr Mann oft sprachlos. Der Glaube an Gott wird als Hoffnungsanker immer
      wichtiger. Morbide Gedanken häufen sich. Wiedergeburt? "Ein Leben ist schon
      schlimm genug, da braucht man kein zweites." Auf jeden Fall möchte man aber
      in eine Urne. Was für Tischgespräche! Selbst die Beziehung zwischen Brigid
      und Ricard ist eher eine soziale Zweckgemeinschaft, die sich Liebe vormacht.
      Es geht ums Verlassenwerden und Einsamkeit, um Tendenzen, die es auch
      bereits nicht selten in Deutschland gibt. Minilöhne bei Milliarden schweren
      Konzernen sorgen heute schon für reichlich Armut, während die Reichen immer
      reicher werden. Die Globalisierung schlägt auch hier zu und schürt jede Menge
      Ängste vor der Zukunft.

      Als die glücklichste Person der Familie kann man eventuell "Momo" in ihrem
      Rollstuhl bezeichnen. Sie murmelt Dinge vor sich hin und ist dabei geistig oft
      ganz woanders. Nur beim Tischgebet entgleitet ihr plötzlich ein lautes "Amen".
      Was bekommt sich in ihrem dämmrigen Zustand noch mit? Zumindest etwas.
      Sie ist symbolisch von Beginn an die lebende und mahnende Realität im Stück.

      Thematisch ist das Schauspiel gefühlt ein Drama mit hier und da schönem
      Galgenhumor. Das Ernste wird durch skurrilen Humor manchmal aufgebrochen.
      Schauspielerisch können alle Akteure voll überzeugen, wie auch das Bühnen-
      bild. Immer wieder gibt es kurze Gedankenpausen zur Selbstreflexion, teilweise
      harte Sekunden des Schweigens.

      Was wird aus dieser Familie? Das Thanksgiving wirkt wie letztes Abendmahl
      oder die Henkersmalzeit mit ollen Klappstühlen und Plastikgeschirr. Ein letztes
      Mal versucht man von der Erinnerung an die schöne Vergangenheit zu leben.
      Man isst, trinkt und lacht, doch die Wirklichkeit holt sie immer stärker ein.
      Jeder ist genug mit sich selbst beschäftigt und möchte sich doch auch um die
      anderen sorgen, doch das erscheint immer unmöglicher. Drohende Klänge und
      eine sich nervös auf und ab bewegende Bühne lassen am Ende Böses ahnen.
      Erik verschwindet als letzter im orange leuchtenden Ungewissen.

      Datum: 9. Dezember 2017, Premiere, Schauspielhaus Bochum

      www.schauspielhausbochum.de