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Schauspiel 'Herkunft' im Theater Oberhausen
Mit dem Stück "Herkunft" von Saša Stanišic präsentiert das Theater Oberhausen einen packenden Stoff, der sehr gut gelungen von Sascha Hawemann inszeniert wurde.

Yugoslawien 1992, es herrscht ein ethnischer Krieg unter den Bevölkerungsgruppen. Das Land gibt es heute so nicht mehr. Doch was soll jemand als seine Herkunft bezeichnen, wenn er dort geboren und aufgewachsen ist? Es gab blutige Gemetzel, ethnische Säuberungen, viele Flüchtlinge und zahlreiche unschuldige Tote. Kann ein Flüchtling diese Herkunft eigentlich noch guten Gewissens als Heimat bezeichnen?

Es ist in großen Zügen die Familiengeschichte des Autors persönlich. Lange zögerte er, sie auch auf einer Bühne sehen zu wollen. Grob zusammengefasst beginnt alles in einem Ort im heutigen Kroatien, damals noch Jugoslawien. Der Krieg erreicht auch ihre Kleinstadt. Diverse Kriegsverbrechen sind an der Tagesordnung. Während die verwitwete Großmutter (Anna Polke, Lise Wolle) dort bleibt, fliehen ihre Tochter (Agnes Lampkin) und Sasa (Ronja Oppelt, Henry Morales, Daniel Rothaug) nach Heidelberg. Sein Vater (Clemens Dönicke) kehrt später von der Front zurück und folgt ihnen nach Deutschland. Später werden die Eltern aus Deutschland abgeschoben, wandern in die USA aus, um wieder etwas später in Split zu landen. Saša darf in Deutschland bleiben, aber die Familie ist weltweitweit verstreut. Der enge Kontakt geht verloren. Nur Saša scheint die bedrückende Situation zu spüren. Er schreibt ein Buch übers eine Familie und besucht 2009 seine Oma in ihrem und seinem Heimatort.

Im Grunde ist die Tragik dieser Familiengeschichte beispielhaft für viele Biografien von Migranten in Deutschland. Sie kommen an, sprechen unsere Sprache gar nicht oder schlecht und haben Probleme, sich im sozial-gesellschaftlichen Geflecht einen Platz zu suchen. Das fängt schon bei der Wohnungs- oder Jobsuche an. Mit ein oder zwei Häkchen auf einem slawischen Nachnamen ist man ein Fremder. Als sogenannter Deutscher hat man mit der Aussprache der ausländischen Namen oft so seine Probleme. Hier und da nimmt man als Vermieter oder Arbeitgeber doch lieber den typischen Deutschen Meier oder Müller. So bleiben auch Saša Eltern, sie Lehrerein und er Betriebswirtschaftler, nur Jobs als Wäscherin und Bauarbeiter. Sie quälen sich durch das Leben, trotz akademischer Ausbildungen in der Heimat. So ergeht es vielen Migranten hier in Deutschland, das angeblich so gelobte Land.

Das Stück verknüpft sehr geschickt verschiedene Dinge miteinander. Die Suche nach der Herkunft, wie auch immer man sie definiert, wird mit dem altersbedingten Schicksal der Großmutter verwoben. Sie leidet an Alzheimer, eine weit verbreitete Alterspest in Deutschland. Ihre Gedanken an die Herkunft der Familie verschwimmen immer stärker, während Saša ständig neugieriger wird, auch um seine eigene Herkunft zu klären, die durch Kriegsgräuel stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Man lässt die Großmutter nicht alleine, doch sie selbst möchte nicht ihre Selbstbestimmtheit aufgeben. Sie wird immer schwieriger für ihre Mitmenschen, bis sie sie gar nicht mehr erkennt.

Der Begriff Erinnerung ist ein zentrales Thema. Wie sehr kann man die blutigen Erinnerungen abstreifen? Lässt sich die Vergangenheit filtern? Der damals idyllisch fließende Fluss, auch er war Kriegsschauplatz. Hinzu kommt die Tatsache, dass rechtsradikale Nationalisten auf dem Balkan schon immer eine nicht geringe Rolle gespielt haben, auch heute wieder. Das wird ebenso thematisiert wie korrupte Strukturen oder religiöse Zwiste.

Teilweise werden zwei Zeitebenen parallel gut sichtbar gemacht. Dafür hat man die Großmutter mit Anna Polke und Lise Wolle doppelt besetzt. Lise Wolle agiert sehr gut als innere Stimme der immer mehr dahin siechenden Großmutter. Die Rolle des Saša wird sogar durch Ronja Oppelt, Henry Morales und Daniel Rothaug gleichzeitig oder abwechselnd besetzt. Ronja Oppelt fungiert als gefühlter Dreh- und Angelpunkt des Stücks, eine herausragende Leistung, eine Eins mit Sternchen. Die anderen SchauspielerInnen, insbesondere Lise Wolle oder Henry Morales, müssen sich ebenfalls nicht verstecken. Alle wirken überzeugend, nur die Rollen sind mehr oder weniger prägnant.

Es ist ein Stück, das rund 30 Jahre zurückblickt. An den Tatsachen und den Folgen von Kriegen oder Flucht hat sich bis heute allerdings weltweit nichts geändert. Als Fremder in einem fremden Land hat man es schwer Fuß zu fassen, was auch den Deutschen in USA betrifft, der notgedrungen Burger verkaufen muss.

Musikalisch wird die sehr überzeugende Vorstellung hervorragend von Martin Engelbach und XELL live begleitet. Die rund 160 Minuten ohne Pause wirken kurzweilig.

Datum: 18. Oktober 2020

www.theater-oberhausen.de