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      Das Schauspiel Duisburg präsentierte mit dem Gastspiel "Heilig Abend" ein
      sehr intensives und klasse Stück, das den Heiligabend und das Thema
      Terrorbekämpfung verbindet. Was sich skurril anhört, das ist hoch spannend
      und zeigt die Arbeit der Geheimdienste und Sicherheitsbehörden in tiefen
      Abgründen.

      Der Stoff stammt von Daniel Kehlmann, inszeniert für das EURO-Studio
      Landgraf in Titisee-Neustadt vom Regisseur Jakob Fedler. Die 90 Minuten
      lange Version packt einen und lässt uns hoffen, niemals in eine solche
      Situation zu geraten. Am 24. Dezember um gegen 22.28 Uhr wird Judith
      (Jaqueline Macaulay), eine Philosophie-Professorin, von Männern aus ihrem
      Taxi gezerrt und an einen ihr unbekannten Ort gebracht. Dort wartet Thomas
      (Wanja Mues) auf sie, der sich aber während des gesamten Stücks nicht
      namentlich zu erkennen gibt. Ein Psychospiel nimmt seinen Lauf. Sofort
      wird ihr klar gemacht, dass man etwas Wichtiges von ihr wissen möchte.
      Das Verhör beginnt.

      Judith ist einem fremden Mann ausgeliefert, der zunächst die Macht über sie
      hat. Den kargen Ort hat sie noch nie gesehen. Verhaftet hat man sie nicht,
      nur "zu einem Gespräch gebeten". Geheimdienstler haben oft merkwürdige
      Formulierungen. Ihre Rechte auf eine Belehrung und einen Anwalt kennt sie
      genau, doch niemand würde sie am Heiligabend vertreten. Mitten in einem
      Raum stehend, umgeben von geheimnisvoll flackernden Lichtelementen,
      versucht Judith die Situation zu meistern. Schnell merkt sie, dass der ihr
      nicht bekannte Mann alles von ihr weiß, selbst Dinge, die 20 Jahre zurück-
      liegen. Wo war sie? Wann hat sie wo und wie oft angerufen? Mit welchen
      jungen Studentinnen hatte ihr geschiedener Mann ein Verhältnis? Erst
      gestern Abend war er noch bei ihr. Warum? Der Ermittler weiß wirklich jedes
      Detail. Selbst ihren Computer, der nicht am Internet hängt, haben sie
      durchstöbert. Nur eine Frage ist unbeantwortet. Wo ist die Bombe, die am
      Heiligabend um 24 Uhr explodieren soll? Ein Text, den Judith für ein philo-
      sophisches Seminar geschrieben hat, hat die staatlichen Stellen auf den
      Plan gerufen. Er beinhaltet auch gewaltsame Aktionen.

      Wie sich später herausstellt, sind die Ermittler ihrem Ex-Mann auf der Spur,
      die am Flughafen Spuren von Sprengstoff am seinem Koffer hatte. Das sind
      Indizien, aber keine Beweise. In Rahmen des Umfelds geriet auch sie ins
      Blickfeld und man stieß auf ihre Zeilen. Der Versuch, ihren Ex-Mann, der
      angeblich im Nebenraum verhört wird, und sie gegeneinander auszuspielen
      misslingt, wie die ganze Aktion und eine Bombe gab es auch nicht.

      Spannend ist das verbale Wechselspiel zu erleben. Staatliche Macht wird
      ganz nah spürbar. Die ständige Angst vor Anschlägen macht staatliche
      Stellen zunehmend nervöser. Der Staat möchte am liebsten alles über seine
      Bürger wissen. Man möchte die Freiheit schützen und schränkt sie dabei
      ein, die persönlichen Rechte eines jeden inklusive. Im Stück ist auch die
      Rede von möglicher Folter, die deutlich beschrieben wird. Darf der Staat
      Verdächtige foltern, um einen möglichen Terroranschlag zu verhindern? Die
      Würde des Menschen bleibt in Deutschland unantastbar. So steht es im
      Grundgesetz. Paranoid verfolgen die Terrorschützer jede Spur, und machen
      sie sich dabei noch so lächerlich. Das ist auch Thomas große Angst, wenn
      er kein Ergebnis liefert. Zwischendurch legt er sogar seine Persönlichkeit
      offen. Er ist einsam und verunsichert. Seine Ex-Frau erzählt überall nur
      schlechte Dinge über ihn. Er fühlt sich privat und im Job unwohl, doch er ist
      Teil dieses Systems, gegen das Judith an der Uni in Seminaren rhetorisch
      argumentiert. Dabei ist Thomas an ihrer Meinung zu gewissen Fragen sehr
      interessiert, weil er selbst zweifelt. So bekommt Judith mehr und mehr das
      Heft in die Hand, indem sie selbst Fragen stellt und sogar ein Scheinge-
      ständnis macht, das er aber gar nicht hören möchte, wie er weiß, dass sie
      niemals in der Lage sein wird, eine Bombe zu bauen. Sie führt das Gespräch
      sehr geschickt wie ein philosophisches Seminar. Er ist ihr am Ende ausge-
      liefert und verbleibt weiter in seiner kümmerlichen Persönlichkeit. Schau-
      spielerisch wird der ungleiche Dialog hervorragend präsentiert.

      Das Paranoide staatlicher Überwachung wird sehr gut zur Schau getragen.
      Tolle, tiefgreifende Dialoge geben eine spannenden Einblick in das Verhaltes
      des Staates, der sich permanent in Alarmbereitschaft befindet, selbst am
      Heiligabend.

      Datum: 10. Dezember 2019, Theater Duisburg, einmaliges Gastspiel

      www.duisburg.de
      landgraf.de