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      Europa ist ein brüchiges Gebilde. Make Europa sexy again lautet das Motto
      in "Die Hauptstadt", zu sehen im Grillo Theater. Regisseur Helmut Schmidt-
      Rahner konnte das Publikum mit seiner Inszenierung allerdings eher weniger
      begeistern.

      Es ist die Absurdität der EU, die auf der Bühne dargestellt wird. Deutsch,
      Englisch, Italienisch und Wienerisch sind die Ausdrucksmittel auf einer
      schrägen Ebene, die zeigen soll, dass Europa abrutscht. Dabei wird die
      EU-Kommission 50 Jahre alt, ein Grund das Image der EU aufzupolieren.
      Also ran ans Werk. Der Zustand der EU wird im Laufe des Stücks inhaltlich
      treffend berührt.

      Es ist ein schwieriger Stoff. Parallele Geschichten werden miteinander ver-
      woben. Griechen, Österreicher, Niederländer sowie wirtschaftliche Bezieh-
      ungen mit China spielen eine Rolle. Vergangenheit, Gegenwart und eine
      fiktive Kriminalgeschichte agieren ineinander. Thematisch bewegt man sich
      zwischen EU-Bürokratie, geschichtlichen Aspekten, persönlicher Karriere-
      planung und aktuellen Tendenzen. Man findet Szenen von rechtsradikalen
      Idioten aus Chemnitz als Einspieler, klassische Gesangspartien vom Band
      und auch schnelle Rollenwechsel der Akteure, die nicht immer klar zu deuten
      sind. Vier und mehr Rollen pro Akteur sind keine Seltenheit. Der Versuch
      Humor einzubauen wird deutlich. Surreale Bewegungen und Kostüme wirken
      jedoch szenisch überdreht. Nicht wenige Szenen vor Videokameras auf der
      Bühne erscheinen statisch.

      Als roter Faden läuft ein Schwein durch Brüssel, das in verschiedenen
      Darstellungen erscheint. Es sind manchmal missverständliche Deutungen.
      Ist es gerade ein Nazi-Schwein, das Karriere-Schwein, die Behörden-Sau
      oder sind es muslimische Selbstmordattentäter?

      Wer in die Vergangenheit blickt, der kommt am Nationalsozialismus nicht
      vorbei. Man hört harte Schilderungen von Folter und Lagerrealität. Es gilt aus
      der Vergangenheit für die Zukunft lernen, doch die ältere Zeitzeugen-Gene-
      ration stirbt aus. Wer mahnt zukünftig? Auschwitz wird sogar als Geburtsort
      genannt und Hauptstadt der EU vorgeschlagen.

      Eigentlich ein hoch spannender und wichtiger Stoff, der aber häufig szenisch
      ins Absurde abgleitet und nicht klar genug zwischen den Strängen trennt.
      Der eher erzählende Charakter des Stücks könnte mehr Dialoge vertragen.
      195 Minuten ohne Pause wirken nicht rund, streckenweise so unverständlich
      wie die EU.

      Datum: 5. Oktober 2018

      www.schauspiel-essen.de