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      Was macht man, wenn man auf einem Haufen vermeintlicher Raubkunst sitzt,
      wie Cornelius Gurlitt, der die Sammlung seinen Vaters Hildebrand geerbt hat?
      Einsam und völlig zurückgezogen wurden die als verschollen geltenden Meister-
      werke zu seinen Kindern. Das Renaissance-Theater Berlin gastierte sehr
      sehenswert zu diesem Thema mit dem Stück "Entartete Kunst" von Ronald
      Harwood im Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen. Regie führte Torsten Fischer.

      Wabernde schwarze Alpengipfel und dazu Alphörner in Moll kündigen zu Beginn
      schon das Unheil an. Bilder mit der Rückseite nach vorne lehnen überall an der
      Wand. Eine Modelleisenbahn kreist unablässig herum. Das ist die Welt des
      sehr einsam lebenden Cornelius Gurlitt (Udo Samel) in München-Schwabing.
      Die Wohnung ist teuer, doch er kann sie sich offenbar leisten. Im Zug von der
      Schweiz nach Deutschland wurde er 2010 auffällig und gründlich kontrolliert.
      Das rief die Staatsanwaltschaft und die Steuerbehörde auf den Plan und die
      sitzen nun in seiner Wohnung und haben bohrende Fragen.

      Woher beziehen sie ihre Einkünfte? Warum tauchen sie in keiner Sozialkasse
      auf, auch nicht beim Finanzamt oder in der Rentenversicherung? Haben sie
      jemals irgendwo gearbeitet? Haben sie kein Konto? Karl-Friedrich (Boris
      Aljinovic) und Lise Schmidt (Anika Mauer) sind neugierig. Es wird sehr gut
      dargestellt, wie Cornelius Gurlitt in einer Scheinwelt lebt und immer mehr in die
      Ecke getrieben wird. Seine weiße Maske hat Züge eines tragischen Clowns, der
      genau weiß, in welcher Lage er steckt und sich doch die Dinge schön redet und
      denkt. Sein Vater sei ein toller Mann gewesen und die Werke sind seine Kinder.
      Diese Bilder hat sein Vater für Goebbels und Hitler mehr oder weniger
      beschlagnahmt oder günstig angekauft. Viele Bilder sollen von französischen
      Juden stammen, während der deutschen Besatzung in Paris. Insgesamt über
      1.500 Werke gelangten so auch in seinen Privatbesitz. Das Vorgehen wurde
      1938 gesetzlich nachträglich legitimiert und das Gesetz ist bis heute nicht
      außer Kraft gesetzt worden.

      Ständig möchte Gurlitt seine unliebsamen Gäste an der Nase herumführen,
      doch die sind schlauer, haben bereits recherchiert. Gurlitt mutiert langsam
      immer mehr vom Möchtegern-Naseweis zum gefallenen alten Mann, der weiß,
      dass er seine Bilder los ist. Er bezeichnet das als Raub. Soll man ihn bemit-
      leiden oder ihm Vorwürfe machen? Von beidem wohl ein bisschen. Offenbarung
      bekommt der Zuschauer, als der dubiose Kunsthändler Andreas Weisz (Ralph
      Morgenstern) ins Geschehen eingreift. Seinem wenig legalen Netzwerk an
      Händlern verdankte Gurlitt, dass er einige seiner Bilder heimlich verkaufen
      konnte, um seinen teuren Lebensunterhalt zu sichern.

      Schauspielerisch ist das Thema sehr gut umgesetzt. Besonders Udo Samel
      mimt Gurlitt hervorragend mit seiner großen Bühnenerfahrung. So ähnlich könnte
      auch er 2014 verstorbene Gurlitt im wahren Leben gewirkt und gedacht haben.
      Auf einem Bildschirm werden einige Meisterwerke der Sammlung, die rund eine
      Milliarde Euro wert sein soll, als Folge gezeigt. Das schöne Bühnenbild passt
      sich Gurlitts Heimat optisch gut an. Die Dame vom Finanzamt spricht sogar
      etwas Bayerisch.

      Das Stück hat auch aktuelle Bezüge und bringt die Szene der Kunsthändler in
      ein dunkles und wenig vertrauenswürdiges Licht. Manches krumme Ding soll da
      bis heute gedreht werden. Selbst die Kunstmuseen bekommen von Gurlitt ihr
      Fett weg. Zum einen verstecken sie Werke mit zweifelhafter Herkunft gerne im
      Depot. Sie heben die Kunst aber auch auf einen Sockel, der die Preise auf dem
      freien Markt explosionsartig nach oben schnellen lässt. Das Stück zeigt auf,
      dass hinter den Kulissen des Kunstmarktes eigene Gesetze herrschen.

      Was passiert nun mit all den Bildern? Gurlitt ist schlau und sieht schon
      gierige Erben auf dem Plan, die angeblich ganz genau wissen, dass einer dieser
      Millionenschätze bei einem Vorfahr im Wohnzimmer hing. Streitigkeiten sind
      vorprogammiert und gelogen wird weiter. Stand heute sind erst fünf Bilder der
      Sammlung tatsächlich eindeutig als Raubkunst nachgewiesen worden. Da wartet
      noch sehr viel Arbeit auf die Fachleute. Die Zeit rennt ihnen davon. Viele Fälle
      werden nie aufgeklärt. "Vergesst mich nicht, vergesst mich nicht", so lautet das
      mahnende Schlussstatement von Cornelius Gurlitt auf der Bühne.

      Zu erwähnen ist noch, dass die Bundeskunsthalle in Bonn noch bis zum
      11. März 2018 zahlreiche Werke aus der Sammlung in der Ausstellung
      "Bestandsaufnahme Gurlitt" zeigt.

      Datum: 27. November 2017, Ruhrfestspielhaus Recklinghausen

      www.vccre.de (Ruhrfestspielhaus)
      www.renaissance-theater.de