abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Mit dem Schauspiel "Der Fall der Götter" zeigt das Grillo Theater einen Stoff,
      der schwer ist und auch durchaus missverständlich gedeutet werden kann.
      Das Premierenpublikum war ziemlich sprachlos, wusste kaum wie ihm
      geschah. Der Applaus fiel ungewöhnlich spärlich aus.

      Es ist die Geschichte einer reichen Industriellenfamilie nach dem Film
      "Die Verdammten" von Luchino Visconti. Baron von Essenbeck (Jens
      Winterstein), Familienoberhaupt und Chef einer Gusstahlfabrik, feiert seinen
      Geburtstag im Kreise der Familie, während in Berlin der Reichstag brennt.
      Sofort entscheidet er sich, die Nazis zu unterstützen, um seine Firma durch
      die politischen Wirren zu führen. Die eh schon zerrissene Familie steht vor
      einer Situation, die sie nicht bewältigen kann. Politische Zwiste, Macht-
      ansprüche, Neid, Missgunst, Rachegelüste und skrupellose Taten sorgen für
      den Untergang des gesamten Beziehungsgeflechts, am Ende auch des
      Nazi-Reichs.

      Wer bei einer Gussstahlfabrik in Essen an die Familie Krupp denkt, der liegt
      nicht falsch und irrt doch. Regisseur Jan Neumann möchte angeblich gar
      nicht diesen starken Bezug herstellen und tut es trotzdem, mit eigenen
      Geschichten. Das macht die Sache schwierig. Anfangs wird ganz detailgetreu
      die Villa Hügel verbal skizziert. Es gibt ein Herrenhaus mit großen Sälen,
      Gobelins, gemalten Familienportraits, Holzvertäfelungen, einer Bibliothek und
      einer geschnitzten Holztreppe. Es spielt also eindeutig auf dem Hügel. Es
      gibt auch einen Friedrich (Philipp Noack), dem die Leitung der Fabrik über-
      tragen wird und vernachlässigte Kinder. Viele Parallelen tun sich auf. Martin
      (Alexey Ekimov) ist zu Beginn des Stücks eine authentische Kopie von Arndt
      von Bohlen und Halbach, ein völlig aus der Art geschlagener Familienspross.
      Er kristallisiert sich im Stück als die vielleicht wichtigste Rolle heraus. Wie
      aus dem homosexuellen und skandalösen Lebemann im Stück allerdings ein
      strammer und skrupelloser Nazi werden kann, erscheint wenig realistisch.

      Es ist schon ein sehr harter Stoff, den man dem Publikum vorsetzt. Mit den
      Funken und Tönen der Gussstahlfabrik geht es sehr treffend inszeniert los.
      Danach sind die Tage des alten Patriarchen gezählt. SA-Mann Konstantin
      (Jan Pröhl), Herbert (Thomas Büchel) und Elisabeth (Floriane Kleinpass),
      Martin und Friedrich mit seiner Gattin sowie SS-Hauptsturmführer von
      Aschenbach (Stefan Diekmann) spinnen ihre Fäden und Intrigen. Je nach
      persönlichem Nutzen werden verschiedene Personen instrumentalisiert. Sie
      wollen schließlich nicht das Schicksal von Herbert und Elisabeth erleiden,
      geflüchtet und vergast. Die Nazis erkennen nicht mal die staatliche Gerichts-
      barkeit an, sondern haben als selbsternannte Elite ihre eigene, mit der alles
      möglich ist. Die SS rächt sich sogar an den Machtgelüsten der SA. Teilweise
      ist es tiefgreifende Nachhilfe in Sachen Nationalsozialismus ohne überwie-
      gend zu verschreckende Uniformen. Jan Pröhl singt in einer Szene als
      SA-Mann allerdings Texte aus einem Nazi-Liederbuch. Man möchte den
      Aus-Knopf betätigen.

      Eine ausgeprägte Symbolhaftigkeit ist der Inszenierung nicht abzusprechen.
      Immer wieder gibt es Anspielungen, z.B. an Bücherverbrennungen und
      Konzentrationslager. Jens Winterstein versucht als Erzähler den Geist der
      Zeit zu transportieren, was ihm erschreckend gut gelingt. Dazwischen finden
      sich die Dialoge wieder. Es ist mal ein anderer Ansatz, der durchaus probiert
      werden kann. Wenn aber die Phantasie des Regisseurs sich vergaloppiert,
      dann führt das zu einem entsetzlich und abstoßend gespielten Inzest
      zwischen dem nackten Martin und seiner Mutter. Fürchterlich, wenn
      man bedenkt, dass ein kleines Mädchen eine Statistenrolle im Stück mimt!
      Ein anderer Schockmoment sind die Hakenkreuzfahnen, am Ende auf der
      Bühne. Dabei wird der Theatersaal ebenfalls in rotes Licht getaucht. Die
      Besucher werden so zu unfreiwilligen Mitläufern der Nazi-Terrorherrschaft. Es
      fühlt sich gar nicht gut an.

      Das kriminalistisch angelegte Stück ist insgesamt gesehen nicht mal
      schlecht dargeboten, moralisch und ethisch wertvoll. Schauspielerisch ist es
      gut, im Rahmen der Möglichkeiten. Auch die Bühne ist passend gestaltet,
      schwer, reduziert und dunkel. Trotzdem stellen sich einige missverständliche
      Fragen der Inszenierung, die sich am Ende in einem doppeldeutigen Freitod
      durch Zyankali völlig verirren. Mit dem Tod der Fabrikbesitzer Friedrich und
      Sophie (Ines Krug) in der (kruppschen?) Bibliothek sterben auch Eva und der
      Führer, samt seinem Reich. Gewinner gibt es keine.

      Die Naziverbindungen der Krupps werden von der auf dem Hügel beheima-
      teten Stiftung gerne öffentlich wenig thematisiert. Das Archiv hat angeblich
      keine Schriftwechsel mit Hitler und Fotos von Zwangsarbeitern soll es eben-
      falls keine geben. Was ist die Wahrheit? Der Mythos Krupp wird so am Leben
      erhalten. Die bewusste Verzerrung dieser Familiengeschichte auf der Bühne
      geht aber inhaltlich zu weit und irritiert. Auf die Reaktionen der Herren vom
      Hügel darf man gespannt sein.

      Datum: 21. April 2018, Premiere (weitere Termine)

      www.schauspiel-essen.de