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      "Ungefähr gleich" lautet der Titel des guten Stücks von Jonas Hassen
      Khemiri, das das Grillo Theater in der Casa auf die Bühne gestellt hat. Es
      dreht sich um Lebensträume, Arbeiten und Wirtschaften, eigentlich ein
      packendes Thema, was szenisch etwas Luft nach oben lässt.

      Es ist das Zusammenspiel von völlig verschiedenen Menschen, die ihre ganz
      eigene Lebensgeschichte und Einstellung haben. Nicht zu übersehen ist der
      Obdachlose Peter (Alexey Ekimov). Er ist ein guter Schauspieler und kennt
      alle Tricks. Peter betrügt geschickt seine Geldgeber und versteht praktisch
      was von Wirtschaft. Die Moral bleibt bei ihm allerdings auf der Strecke.

      Mani (Philipp Noack), der Dozent für Wirtschaftsgeschichte, erzählt wie van
      Houten 1842 seine Schokoladenfabrik zu Ruhm brachte und doch unter
      Depressionen litt. Heute werden 32 Billionen Dollar weltweit nicht versteuert.
      Er ist es auch, der Wert und Gegenwert eines Theaterabends ermittelt,
      nämlich als ux+r+z (Eintritt + diverser Aufwand + Zeit). Das alles muss das
      Ensemble als gegenwert mindestens unterhaltsam bieten.

      Andrej (Stefan Migge) besuchte das Abendkolleg, den Kurs "Grundlagen von
      Wirtschaft und Marketing". Die Bewerbungen liefen ins Leere. Der Traum von
      der Assistenz der Geschäftsleitung ist weit weg, Er jobt im Tabakladen und
      als Abbruchhelfer.

      Martina (Henriette Hölzel) hat einen Job für 9,-Euro/Stunde im Tabakladen.
      Das Leben ist dafür zu teuer, mit Kind sowieso. Sie möchte als Öko-Selbst-
      versorgerin leben, träumt sich in wohlhabende Welten. Das erscheint eher
      nicht realisierbar. Das Geld aus der Kasse, ihre persönliche ökonomische
      Umverteilung von Geld, führt zur Kündigung.

      Freja (Melanie Lüninghöner) stammt aus weniger wohlhabenden Verhält-
      nissen. Ihre Freude über den Tod der Tante und ihr Erbe machen stutzig.
      Plötzlich besitzt sie schicke Taschen und Klamotten, aber der Job weg. Da
      geht sie über Leichen. Was sind schon Menschen, wenn nur sie ihren Vorteil
      sieht. Sie agiert hinterhältig und kalt wie Manager in Führungsetagen.

      Einer darf nicht fehlen, der Karriereberater. Er ist wie man ihn erwartet,
      selbstherrlich, arrogant und nie um eine Antwort verlegen. Wie sieht es aus
      mit der Freiheit in der "freien" Marktwirtschaft? Jeder kann es schaffen?
      Die Antwort ist überwiegend realistisch-düster, mit einem Ansatz von Humor.
      Wie präsentiere ich mich, um die gesellschaftliche Leiter nach oben zu
      klettern? Auf Formulierungen von Bewerbern und Arbeitgebern kommt es an.
      Welchen Preis kostet das? Die Selbstaufgabe des Ichs zugunsten beruf-
      licher Verpflichtungen?

      Das Bühnenbild besteht aus einer Hauswand mit animierten Fenstern und
      einem Baugerüst davor. Es ist ein Symbol des Fallens und der Karriereleiter.
      Die Jagd nach diversen Arten von Kapital, legale und illegale, wird themati-
      siert. Das Scheitern gilt als Normalfall. Das Geld ist nicht weg, es ist nur
      woanders. Kalle Spieß, eigentlich Bühnenmeister am Grillo, aber auch gerne
      mal Amateurschauspieler, tritt einmal kurz als passender Spiegel fürs
      Publikum in Aktion. Er erzählt Stoff aus dem Leben. Wer nicht einmal im
      Leben pleite war hat nicht gelebt. Wünscht man sich beim Discounter
      durchaus Bio-Fleisch, so ist der Griff zur Konserve oft günstiger.

      Szenisch ist es manchmal schwierig die Rollensprünge direkt einzuordnen.
      Das Geflecht aus Gleich- und Ungleichheiten, Überschneidungen und
      Differenzen, ist nicht immer optimal dargestellt. Es gibt Ortssprünge und
      Andeutungen, die immer konkreter werden. Wer in der ersten Reihe sitzt,
      wird übrigens gerne mal mit in die Handlung eingebunden. Die Inszenierung
      von Magz Barrawasser wirkt durch viele schnelle Rollenwechsel der Schau-
      spieler nicht immer klar, ist aber trotzdem sehenswert. Der Stoff ist eben
      auch sehr komplex und schwierig zu inszenieren.

      Datum: 30. November 2018, Premiere

      www.theater-essen.de