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Schauspiel 'Gift' im Grillo Theater
Mit dem grandiosen Schauspiel „Gift, eine Ehegeschichte“ beleuchtet das Grillo Theater einen Stoff, der wahrlich nicht einfach ist. Wie gehe ich damit um, wenn ich ein Kind verliere? Das Stück der niederländische Dramatikerin Lot Vekemans ist preisgekrönt, in Essen hervorragend inszeniert von Sophie Östrovsky.

Man ist ganz nah dran, in der Casa des Theaters. Die Bühne ist wie eine Halfpipe geformt, auf der man immer wieder zurück rollt, als ob meiner Vergangenheit nicht davon laufen kann. Sie holt einen stets wieder ein.

Was macht diesen Stoff so sehr berührend und intensiv? Er (Sven Seeburg) und Sie (Janina Sachau) treffen sich auf einem Friedhof. Ihr Sohn ist vor ein einiger Zeit von einem Auto angefahren worden und verstarb. Nichts war seither mehr so wie vorher. Erst verloren sie ihr gemeinsames Kind, dann sich selbst und schließlich einander. Am Silvestertag verließ er sie und ging nach Frankreich. Dieser Moment sitzt beiden noch sehr ausgeprägt in den Knochen. Getroffen haben sie sich nun zu ersten Mal seit neun Jahren, angeblich weil das Grab ihres Sohnes umgebettet werden soll, doch der Mensch von der Friedhofsverwaltung kommt nicht. Das schürt Unsicherheit und Nervosität. Jeder versucht sich so auszudrücken, dass man anderen nicht verletzt. Man ist eigentlich neugierig aufeinander, doch die alten Wunden sind noch nicht richtig verheilt. Da wird ein Satz auch gerne mal falsch gedeutet, was sofort wieder zu Disputen führt.

Die beiden Ex-Ehepartner suchen ziemlich verzweifelt einen Weg, die Situation halbwegs stressfrei zu bewältigen. Dinge verbleiben unausgesprochen oder werden direkt vor den Kopf gesagt, notfalls auch mit zu Puppen geformten Händen, die eher mal was sagen dürfen. Er verlässt zwischendurch sogar zweimal den Ort, ein bitteres Deja-vu für Sie. Damals hat sie die Sekunden gezählt, bis er den Motor des Autos startete und sie verließ. Selbst Er weiß noch ganz genau, was sie damals trug. Auf jeden Fall trennten sich hier ihre Lebenswege.

Wie geht man damit richtig um, wenn man ein Kind verliert? Trauert man gemeinsam oder jeder für sich? Beide versuchen in der Folgezeit anders damit umzugehen. Während Er nach vorne zu blicken versucht, ertrank Sie die letzten Jahre im Schmerz, saß bei Psychologen und redete sich fälschlicher Weise ein, dass es ihr doch gut geht, mit einem Job und ein paar Freunden. Auf dem Totenbett beugte Sie damals ihren Körper über den sterbenden Jungen. Diesen Moment kann sie bis heute nicht vergessen. Einen Weg, ihr Leben positiv zu gestalten, hat sie nicht gefunden. Er dagegen steht auf Standpunkt, trotz all der noch immer täglichen Trauer, nach vorne zu blicken. Seinen Schmerz möchte er mit einem selbst verfassten Buch und einer neuen Partnerin verarbeiten, was Sie zunächst in Rage bringt. Man merkt beiden Figuren in dieser sehr intensiven Situation deutlich an, dass sie emotional überfordert sind. Sie blicken oft weg, denken nach. Die unterschwellige Gedankenwelt quält sie. Im dritten und letzten Akt klart sich ihre Gedankenwelt ein wenig auf. Das Thema, den Gegenüber zu verlassen oder verlassen zu werden, bleibt für beide jedoch ein konstantes und schwer zu verdauendes. Kann jemals alles gut werden oder findet man sein Glück, vielleicht gerade noch rechtzeitig, erst auf dem Totenbett?

Es ist emotional ein richtig schwieriger und spannender Stoff, auch wenn man selber kein Kind verloren hat. Manchmal sind es unvorhergesehene Momente, die das Leben verändern. Kann man ein Leben neu beginnen? Lässt sich das Leben überhaupt selbst bestimmen? Wie und finde ich mein Glück? Es ist die Rede von einem Lied, in dem ein Engel in die Zukunft wirkt, anstatt zurückblicken. Warum der Friedhofsverwalter am Ende doch nicht erscheint, das erfährt man am Schluss.

Wer ein richtig grandios dargebotenes Theaterstück mit emotionalem Tiefgang und Klasse erleben möchte, der ist hier genau richtig.

Datum: 10. Oktober 2020, Premiere

www.theater-essen.de