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      Mit „GB 84“ widmet sich das Theater Oberhausen erstmals in der Ära von Peter
      Carp dem Thema Bergbau. Der unheimlich aktuell gewordene Polit-Thriller
      wurde von Stefanie Carp als Theaterfassung umgeschrieben und vom sehr guten
      Ensemble umgesetzt. Regie führte der scheidende Intendant Peter Carp.

      In „GB 84“, einem Roman von David Peace, geht es um den Streik der Bergleute
      in Großbritannien im Jahre 1984. Die neoliberale Regierung unter Maggie
      Thatcher hatte den Plan, einige staatliche Zechen schließen und den Rest
      privatisieren. Die Ankündigung führte zu einer riesigen Protestwelle der Berg-
      leute, angeführt vom Gewerkschaftsboss Arthur Scargill (Torsten Bauer). Quasi
      im Alleingang beschloss er den Streik, ohne eine Urabstimmung. Seine Gewerk-
      schaft war dafür bekannt, nicht zimperlich zu sein. Seine Gegenspielerin war die
      konservative Premierministerin Maggie Thatcher, die bei der Bekämpfung des
      Streiks skrupellos auf Geheimdienste und Polizei setzte. Es gab Tote und das
      Land stand am Rande eines Bürgerkriegs.

      Es ist ein echter Polit-Thriller, der nur eine Siegerin kannte. Die Gewerkschaftler
      waren von Beginn an auf verlorenem Feld. Maggie Thatcher zog die Fäden,
      schleuste einen Spion bei Scargill ein und verbreitete geschickt Falschinforma-
      tionen an die Presse, die diese weitergab. Die Macht der Bilder war bereits
      damals nicht klein, denn der Geheimdienst brachte falsche Bergleute unter die
      Streikenden, die für Chaos und Gewalt sorgten. Die Bilder gingen durch die
      Medien. Auch die Polizei ging brutal gegen die Bergleute vor, trat und knüppelte
      sie nieder. Vom Staat wurden sie obendrein finanziell ausgehungert und am
      Ende zu Tausenden entlassen.

      Eine Paraderolle wurde Thieß Brammer fast auf den Leib geschrieben. Er ver-
      körpert den Bergmann Martin, der sich zwischen seiner Liebe Cath (Janna
      Horstmann) und der Verehrung für Arthur entscheiden muss. Als Streikposten
      wird ihm immer wieder von der Polizei zugesetzt. Zu Hause wird das Geld
      immer knapper. Er schildert in seinen eindrucksvollen Beschreibungen die
      ganze Brutalität des Streiks. Am Ende hat er als gradenloser Idealist alles
      verloren, wünscht er sich sein altes Leben zurück und verlässt die Bühne sehr
      passend durch eine Waschkaue. Thieß Brammer ist die Person, die dem Stück
      am eindrucksvollsten seinen Stempel aufdrückt, grandios gespielt. Hervorzu-
      heben ist auch Jürgen Sarkiss, der mit Verlauf des Stücks in einer Rolle als
      Geschäftsführer der Gewerkschaft immer besser wird, je tiefer er sinkt.

      Das Stück zeigt ebenso die Machenschaften der Gewerkschaften, der Politik
      und der Geheimdienste. Scargill und Thatcher lieferten sich ein politisches Duell
      um die Macht. Scargill spricht in einer seiner sehr emotionalen Reden sogar
      vom „totalen Sieg“. Er wusste, dass der nicht mehr greifbar war. Keiner wollte
      nachgeben, Verhandlungen waren nicht erwünscht. Dafür sind die Rollen der
      staatlichen Kohle-Organisation und die der Geheimdienste umso perfider. Ihre
      geschickten Manipulationen kosten Leben. Intrigen werden gesponnen. Kleine
      Helfershelfer erledigen die blutigen Drecksarbeiten, während die Bosse den
      finanziell lukrativen Umschlag überreichen, im Namen der Regierungschefin. Die
      gezeigten Abgründe auf allen Ebenen sind sehr vielschichtig und sehr gut vom
      Ensemble dargestellt, von Brit-Pop-Schnipseln häufig aus- und eingeleitet.
      Ständig wechseln die Szenen auf der Bühne, verstärkt durch das gute Licht, die
      ebenso guten Kostüme und Filmeinspieler mit Originalszenen des Streiks.
      Selbst Maggie kommt zu Wort. Natürlich stammen auch die Möbel aus den
      80ern.

      Das Theater Oberhausen scheint momentan auf einer Erfolgselle zu reiten. Die
      laufende Spielzeit bekommt sehr viel Zuspruch. Dieses Stück setzt da an. Es
      ist sehr spannend, dicht inszeniert und ein richtig harter Stoff. 195 Minuten lang,
      inkl. Pause, lauscht man gebannt jedem Wort. Es drückt einen förmlich in den
      Theatersessel, so erschütternd und unglaublich ist das Geschehen. Die darge-
      stellten Charaktere sind absolut sehenswert dargeboten.

      Parallel zum Thema findet man im LVR-Industriemuseum die Ausstellung
      „Arbeitskämpfe“ mit Fotos zum Streik der Bergarbeiter 1984 in England und dem
      Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen (1987).

      Datum: 4. Oktober 2016 (Premiere), weitere Aufführungen

      www.theater-oberhausen.de
      www.industriemuseum.lvr.de (Ausstellung "Arbeitskämpfe" in Oberhausen)