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      Wenn man an Bergsteigerlegenden denkt, kommt einem Reinhold Messner
      automatisch in den Sinn. Einen Tag nach seinem 75. Geburtstag gastierte
      er im natürlich vollbesetzten Gasometer Oberhausen.

      In seinem Vortrag "Über-Leben" erzählte er seine Geschichte vom Bergbuben
      zum Überlebenskünstler, der immer wieder die Grenzen des Mach- und
      Gehbaren verschob, der aber auch als Bergbauer oder Museumsmacher-
      neue Wege beschritt.

      Seine Heimat ist Südtirol, wobei er den Begriff "Heimat" niemals als völkisch
      betracht. Er wurde dort geboren. Es ist der Ort der Kindheit. Sein Großvater
      versoff einst den eigenen Hof und zog auf eine ärmliche Alm. Im engen und
      von Kirche und Bürgermeister moralisch geprägten Tal hielt es ihn nicht
      lange. Im Winter hatte er dort nicht einmal Sonne. Die Berge waren seine
      Kirchtürme. Also zog es ihn früh in die Dolomiten. Mit 16 bezwang er mit
      seinem Bruder erstmals eine 600 m hohe Felswand. Die Eltern ließen ihn
      machen, auch wenn sie Angst um die Kinder hatten. Recht bald lernte er die
      mächtigen Westalpen kennen und schätzen, ehe es in die große, weite Welt
      ging, auf die höchsten Gipfel und durch die riesigen Wüsten und Eisgebiete
      wie die Antarktis. Zum Nordpol hat er es aber nie geschafft. Ansonsten ist
      er in der Welt überall zuhause, wo es noch archaische Berglandschaften zu
      erklimmen und entdecken gibt.

      Messner überzeugte an diesem Abend im Gasometer Oberhausen durch
      seine Bodenständigkeit. Die großen Gipfelabenteuer wurden ggf. nur neben-
      bei erwähnt. Lebensphilosophische Bergsteigererfahrung stand im Mittelpunkt.
      Die hat er reichlich. Oft war dem Tod näher, als es ihm lieb war. Ein Berg-
      steiger braucht manchmal Glück und die Hilfe anderer, um schließlich 75 zu
      werden. Er sah sich nie als den besten Bergsteiger an. Es gab bessere.
      Sein ausgeprägter Instinkt hat ihn jedoch so gut wie nie verlassen. Soll man
      mitten in Steilwand bei Wetterkapriolen mit Blitz und Donner nun ab- oder
      weiter aufsteigen? Andere wären abgestiegen. Er stieg weiter auf und hatte
      Glück. Seine schwierigste Klettertour meisterte allerdings 1968 in den
      Dolomiten. Hier wurden ihm und seinem Bruder Günther die wahren Grenzen
      ihres Könnens aufgezeigt. Sieben abgefrorene Zehen mussten ihm aber im
      Laufe seines Lebens amputiert werden. Dass er nicht Schwimmen kann,
      beeinträchtigte ihn ebenfalls überhaupt nicht.

      Grundsätzlich ist für ihn jede Bergtour eine Form von Versuch und Irrtum.
      Man erreicht sein Ziel oder nicht. Die Berge prägen einen fürs Leben. Es gibt
      auch keinen Bergsteiger ohne Angst. Jeder Alpinist versucht seinen Selbst-
      erhaltungstrieb zu überlisten. Warum begibt man sich bewusst in Lebens-
      gefahr? Das kann selbst Messner wirklich erklären. Er suchte immer den
      Flow. Mensch und Stein werden Eins. Zurück im Tal fühlt es sich dann wie
      eine Wiedergeburt an. Seine Brüder Günther und Siegfried verlor er am Berg.
      Günthers Überreste wurden 35 Jahre später gefunden. Die Neugier war, die
      ihn trieb. Mit Sir Edmund Hillary, dem Erstbezwinger des Mount Everest,
      traf er sich öfter zum Austausch. Dabei ist die Sprache der Bergsteiger,
      selbst bei extrem abgelegenen Völkern einfach. Bergvölker verstehen
      sich ohne große Worte.

      Sein Fokus galt im Laufe seiner Karriere immer mehr den Menschen in den
      Bergen, die die relativ fruchtbaren Weide- und Ackerflächen pflegen. Er
      selbst hat, neben einem Weingut, auch eine Yak-Herde, die Bergregionen
      natürlich mäht, wo normale Kühe nicht mehr zu finden sind.

      Messner ist auch eine Art Historienforscher. Er entlarvte heroische Lügen
      einiger Gipfelstürmer, die egoistisch nur sich selbst sahen. Er beschrieb,
      wie sich der Alpinismus gründete und entwickelte. 1786 fing alles mit der
      Erstbesteigung des Montblanc an. Vorher blieben die Talbewohner aus
      Respekt vor den Bergen in den bewaldeten Bereichen. Wissenschaftler aus
      der Stadt waren die ersten Eroberer der Berge. 1865 wurde das Matterhorn
      erstbestiegen. Nun waren spezielle Routen und Schwierigkeiten von größter
      Wichtigkeit, bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Danach entwickelte sich
      der Verzichtsalpinismus. Was ist möglich oder unmöglich? Heute haben
      bekannte Berge sogar vorbereitete Routen, sodass Hobbybergsteiger diese
      mit einem Bergführer mühelos erklimmen können. Selbst den Mount Everest
      könnte Messner auf diese Art und Weise mit 75 noch besteigen, möchte er
      aber nicht. Die Geschichte des Bergsteigens zeigt Messner in seinen sechs
      Museen in Südtirol, die verschiedene Themenschwerpunkte haben. Das
      heute sehr populäre Bouldern ist übrigens bereits rund hundert Jahre alt, nur
      dass man es nun in unzähligen Kletterhallen ausübt. Diese haben seiner
      Meinung nach allerdings nichts mit dem Alpinismus gemeinsam.

      Heute werden Kletterpartien in den Bergen aber mehr und mehr gefährlicher.
      Der Fels bröselt zusehends, besonders das Matterhorn. Der Klimawandel
      macht vor den Gebirgen nicht halt. Jeder Berg wird eines fernen Tages
      wieder zu Sand, der sich ins Meer wälzt, um dort wieder neue Berge ent-
      stehen zu lassen. So entstanden einst die Dolomiten, seine Heimat.

      In die Berge zieht es ihn noch immer. Die Gipfel spielen allerdings keine
      große Rolle mehr. Heute lässt er sich sogar gerne von seinem Sohn in
      steilen Wänden per Seilschaft führen. Wenn er mit 80 Jahren noch einen
      3.000er erklimmen kann, ist er glücklich. Dem Tod blickt er immer noch
      gelassen entgegen. Er freut sich auf die Zeitlosigkeit in der Ewigkeit. Einen
      75jährigen Bergsteiger, der die Welt von oben kennt, kann die Aussicht auf
      den Tod nicht schocken.

      Datum: 18. September 2019

      Infos und Fotos zur Ausstellung "Der Berg ruft"
      www.gasometer.de