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      Mit der ersten Operproduktion "Frankenstein" ist das Musiktheater im Revier
      (MiR) phantastisch in die neue Spielzeit gestartet. Der mythische Stoff ist
      keine Oper im bekannten Stil. Man hat viel gewagt und noch mehr gewonnen.
      Das melancholische Moll kommt ganz wunderbar und außergewöhnlich daher,
      Gänsehaut inklusive. Regie führte Sebastian Schwab.

      Das MiR ist das erste Musiktheater der Welt, das eine eigene Puppenspiel-
      Sparte gegründet hat. So wird das verzweifelte Monster, welches von Viktor
      Frankenstein (Piotr Prochera) erschaffen wurde, von drei Puppenspieler-
      innen zum Leben erweckt. Sie alle sind noch Studentinnen der Hochschule
      für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Elegant, sensibel und emotional
      führten sie die 15 kg schwere Puppe über die Bühne. Unglücklich über sein
      Aussehen und die Ablehnung durch die Menschen ist es quasi die Hauptrolle
      im Stück, was ein erhebliches Stück Verantwortung für die Puppenspieler-
      innen bedeutet. Sie haben es meisterhaft vollbracht. Das Monster vermittelte
      im Laufe des Stücks immer mehr Lebendigkeit. Dabei geben sie dem
      Monster ebenfalls ihre Stimmen, alles sehr gekonnt und betont. Das
      Sprechen gehört zur Ausbildung im Bereich Puppenspiel. Bei aller Klasse der
      sonstigen Mitwirkenden, bekamen sie zum Schluss den meisten Beifall.

      Eigentlich spürte man schon von der ersten Minute an, dass diese Oper
      etwas ganz Besonderes werden wird. Die Atmosphäre des Bühnenbildes
      machte große Lust auf mehr. Es ist wie ein Amphitheater angeordnet und
      absolut passend für diverse Szenen. Je nach Licht ist es ein Raum, ein
      Labor, ein gesellschaftliches Gericht mit vielen Vorurteilen, eine Eiswüste,
      ein Schiff oder der Montblanc. Es ist toll zu sehen, wie viel ein Bühnenbild
      (Britta Tönne) ausdrücken kann. Natürlich ist das Spiel mit den Ebenen
      auch für die Handlung sehr förderlich. Auf den Rängen stehen Solisten des
      NRW-Opernstudios und Mitglieder des jungen Ensemble am MiR. Sie
      schlüpfen in die Rolle der Randfiguren. Ihre Rollen als Geister stellen sie
      wunderbar dar. Ihnen kommt eine wirklich wichtige Rolle zu. Die Inszenierung
      konzentriert sich ansonsten auf die Rollen des Monsters, des Viktor
      Frankenstein und auf Elisabeth (Bele Kumberger). Ab und zu treten die
      Akteure vor das Orchester, was besondere Bilder erzeugt. Man ist ganz nah
      dran, wie sowieso im großen Saal des MiR. Auch ein blutiges Segel gegen
      Ende weht grandios im Wind. Man nimmt das Publikum durchaus bildhaft
      und klar mit auf eine Reise, die für alle Hauptfiguren tragisch endet. Man
      kann so herrlich ästhetisch auf der Bühne sterben und gen Himmel fahren.
      Große Bilder einer genialen Inszenierung! Ein großes Lob geht dabei auch
      an die Kostümbildnerin Rebekka Dornhege Reyes, die wundervolle Entwürfe
      gezaubert hat.

      Für die geniale Komposition ist der Tscheche Jan Dvorak verantwortlich.
      Letztes Jahr wurde sein Werk in Hamburg uraufgeführt. Für die Aufführung
      im MiR hat er sein Werk überarbeitet und gekürzt. Die Partitur erzeugt, je
      nach Stimmung eine große Leichtigkeit, aber auch die nötige Dramatik. Wie
      schwierig es umzusetzen ist, das zeigt die Tatsache, dass neben Giuliano
      Betta noch zwei Co-Dirigenten im Orchestergraben verborgen sind, die die
      Neue Philharmonie Westfalen leiten. Selbst eine E-Gitarre und diverse
      Perkussion-Elemente vernehmen die Ohren. Was genau da Geräusche
      erzeugt, das bleibt mystisch. Dabei hat man genau das richtige Tempo für
      Orchester und Bühne gewählt, emotional absolut synchron. Beide Bereiche
      harmonieren vorzüglich miteinander. Dabei sind nicht nur Profis auf der
      Bühne. Das Bauernkind Wilhelm Frankenstein wird durch Erik, ein Solist
      des Knabenchors der Chorakademie Dortmund, ganz klasse dargestellt.
      Insgesamt passt sich der Gesang aller dem hohen Niveau dieser Oper an.

      Das MiR liefert sehr häufig exzellente Produktionen, aber diese Oper, wenn
      man sie als solche bezeichnen möchte, sticht da noch heraus. Die Premiere
      der Abteilung Puppenspiel ist großartig gelungen, ein Meilenstein für die
      Opernlandschaft in NRW und drüber hinaus. Einzig die Pause hätte es
      vielleicht nicht gebraucht.

      Im oberen Foyer des MiR befasst sich eine Fotoausstellung mit dem
      Verhältnis von Puppen zu ihren Spilern. Wie belebt man eine tote Hülle?
      Studierende der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und die
      Fotografin Benita Suchodrev haben es künstlerisch heraus gearbeitet.

      Datum: 28. September 2019, Premiere

      musiktheater-im-revier.de