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      Mit dem hervorragenden Ein-Mann-Stück "Event", ein Monolog von John
      Clancy, zeigt das Schauspiel Duisburg, wie eigentlich völlig surreal sich der
      Beruf des Schauspielers auf einer Bühne anfühlt. Die deutsche Fassung
      kommt von Frank-Patrick Steckel, ehemaliger Intendant am Schauspielhaus
      Bochum (1986-1995). Regie führte Intendant Michael Steindl.

      Es ist ein nackter Raum mit Scheinwerfern und voll besetzter Zuschauer-
      tribüne im Foyer 3. Der Mann, wie er sich selbst bezeichnet, steht im grellen
      Licht. Er trägt ein weißes Hemd, einen weißen Anzug und rote Socken. Die
      Fremden sitzen im Dunkeln und schweigen, wie es üblich ist im Theater.
      Sie hoffen gut unterhalten zu werden und suchen den stummen Gedanken-
      austausch über gesellschaftliche Gegebenheiten, Moral und Ethik. Beide
      Seiten wissen allerdings nichts übereinander. Der Mann spielt sie nur, die
      Rolle, die man ihm aufgetragen hat. Alles ist geprobt und auswendig gelernt,
      jedes Wort und jede Geste. Es muss den Anschein von Leichtigkeit und
      Spontanität auf der Bühne haben. Er, der Mann, möchte seine Sache gut
      machen, denn eine schlechte Leistung hätte zur Folge, dass der Theater-
      raum menschenleer bliebe, ein Albtraum für jeden Schauspieler.

      Das Theater ist schon ein komischer Ort. Ensemblekollegen besuchen
      Vorstellungen ihrer Kollegen, loben sie anschließend gerne über den
      grünen Klee und danach geht man Einen trinken. So sieht Freund-
      schaft am Theater aus. Ältere Kollegen im Publikum lassen auch mal ver-
      lauten, dass man manche Dialoge hätte anders machen können. Die Bedeu-
      tung der Schauspieler von Seiten der Zuschauer wird sowieso übertrieben.
      Die Akteure auf der Bühne sollten sich selbst auch nicht zu wichtig nehmen.
      Alle im Raum Anwesenden sind ersetzbar, Erinnerung ist oft schnell ver-
      blichen, weil wir in einer schnelllebigen Zeit viel zu viele Dinge um die Ohren
      haben. Sehr nachdenklich und doch humorvoll reflektiert der Mann sein
      Dasein als Schauspieler.

      Wir sind ständig auf der Suche nach Ausbruchsmöglichkeiten aus unserem
      oft grauen Alltag. Doch warum setzt man sich in ein Schauspielhaus?
      Möglichkeiten für alternative aufregende Events gibt es doch so zahlreich.
      Die Lebenszeit ist viel zu kurz, um sich stumm in ein Theater zu setzen.
      Wollen wir unsere gesellschaftliche Umgebung reflektieren? Suchen wir
      Antworten auf schwierige Fragen? Die bewusste Form des Monologs symbo-
      lisiert die immer stärker werdende Einsamkeit in der Gesellschaft. Wir ver-
      meiden Augenkontakt und reden ungern mit Fremden. An der Supermarkt-
      kasse wollen wir es schnell hinter uns bringen, suchen die kürzeste
      Schlange. Bloß keinen Kontakt mit dem unbekannten Vorder- oder Hinter-
      mann knüpfen. Wie reden in Phrasen und verwenden schlau klingende
      Redensarten, lassen uns vereinsamt vom TV ablenken. Erinnerungen bleiben
      auf der Strecke. An Wählscheibentelefone oder Schallplatten denken wir
      oft gar nicht mehr. Früher hat man zu Hause manchmal jemanden telefonisch
      nicht erreicht. Das Handy ist heute ein aufdringliches Kommunikationsmittel
      für sehr oberflächliche Kontakte. Liebes- oder Freundschaftsbekundungen
      per Smartphone oder E-Mail zählen im digitalen Zeitalter überhaupt nichts.
      Man möchte "in Verbindung bleiben". Die Halbwertzeit ist absehbar.
      Gekünzelt wirkende Familientreffen sind ebenfalls oft ohne Wert. Echte
      Freundschaft über viele Jahre ist eine seltene und kostbare Angelegenheit
      geworden. Dieses gesellschaftliche Problem wird sehr gut in dem Stück
      reflektiert.

      Da wären noch andere wichtige Faktoren im Theaterraum. Der unsichtbare
      Bühnenhandwerker schiebt einen Stuhl auf die Bühne. Wer ist er? Was
      macht man mit dem Stuhl? Die freien Wahlmöglichkeiten im Leben des
      Menschen im 21. Jahrhundert sind enorm. Warum wird man eigentlich
      Techniker im Theater und sitzt alleine und stumm in einem kleinen,
      schwarzen Raum, um diverse Knöpfe zu drücken? Ist er ein Einödling oder
      gar ein Autist? Die Macht über den Akteur auf der Bühne ist groß. Schaltet
      er die Bühne dunkel, kann dieser sich nur noch verbal zu erkennen geben,
      nicht durch inszenierte und bedeutsame Gesten. Dabei sind wir alle Schau-
      spieler auf der Bühne des Lebens, die wahrgenommen werden möchten.
      Das gilt auch für die hauptberuflichen Begutachter im Publikum, von manchen
      auch Kritiker genannt. Sie können beeinflussen, wie voll der Saal bei Folge-
      vorstellungen sein kann. Auch sie sollten ihre gewisse Macht nicht miss-
      brauchen. Der Schauspieler, als Marionette von vielen Einflüssen, wird da
      zur weißen Laborratte in einem Käfig namens Bühne, auf der er funktionieren
      muss. Das wird bei der Inszenierung sehr deutlich.

      Wie könnte der lange namenlose Mann heißen, der da die Leute exzellent
      unterhält? Walter oder doch vielleicht doch Adrian Hildebrandt, so sein wahrer
      Name als Individuum außerhalb der Bühne. Die geheimnisvolle Bühnen-
      arbeiterin ist übrigens "Kim", die als Emma Stratmann auch die Regieassis-
      tenz übernommen hat. Man kennt sie auch als Mitglied des "Spieltrieb" am
      Haus, der jungen Theatertruppe, die aktuell mit "Rattenkinder" ein ebenfalls
      sehr gutes Stück im Programm hat.

      Wir leben in seltsamen Zeiten. "Die Ankerkette ist gerissen." Wir leben oft
      eine Tragödie, eine Farce und alle marschieren einfach so weiter. Theater
      als bewusster, gesellschaftlicher Gedankenaustausch mit einseitigen
      Gedanken vor einem stummen Publikum ist da eigentlich eine surreale
      Situation. Doch kann keiner ohne den anderen, der Schauspieler nicht ohne
      sein Publikum und umgekehrt. Am Ende geht das Licht langsam aus. Ob
      der Mann seinen Job gut gemacht hat, da ist er sich nicht sicher. Was
      nehmen die Leute von einem Abend mit, für den er einige Wochen geprobt
      hat? Denken sie in ein paar Tagen überhaupt noch an ihn? "Event" ist ein
      tolles Spiegelbild unserer Zeit, klasse inszeniert und wundervoll dargeboten.

      Datum: 3. Januar 2020

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