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      Es war ein Wunschstück des Publikums zum 125. Geburtstag des Grillo
      Theaters. "Der Besuch der alten Dame" von Dürrenmatt ist ein Klassiker, der im
      modernen Kleid in Essen daher kommt, gar nicht angestaubt. Für die sehr
      gelungene Inszenierung ist Thomas Krupa als Regisseur verantwortlich.

      Welche Kommune würde sich heute nicht eine Milliarde als Spende wünschen!
      Das verlotterte Kaff Güllen hat dieses Glück und ist damit doch unglücklich, egal
      wie es handelt. Ihr Mitbewohner Alfred Ill muss schließlich sein Leben lassen
      und einer von ihnen muss der Mörder sein, wenn sie das Geld wollen. Es
      stammt von Claire Zachanassian, und die fordert Gerechtigkeit für ihr Schicksal,
      aus dem Dorf damals vertrieben worden zu sein. Die Geschichte ist bekannt.

      Die gut gestaltete Bühne (Thilo Reuther) und die schönen Kostüme (Ines
      Burisch) sind ein Sinnbild von Erbärmlichkeit. Müll liegt überall herum und die
      Bewohner sehen aus wie Wilde, die keinen Friseur kennen und Klamotten von
      vor Ewigkeiten tragen. Werbeschilder und der Spielautomat haben ebenfalls
      bessere Tage erlebt. Hier wird dringend viel Geld benötigt. Schön zu sehen, wie
      sie in ihrer Verzweiflung und Hoffnung Begrüßungsreden und Gesänge versuchen
      unbeholfen zu üben. Claire (Ines Krug) soll mit ganz viel verbalem Schleim
      übergossen werden.

      So treffen optisch zwei Welten aufeinander. Claire Zachanassian tritt im weißen
      Anzug auf, zunächst ganz unschuldig, aber schon mit drohenden Andeutungen,
      die die Bewohner noch locker als schlechte Scherze auffassen. Ihre Assistenten
      Boby (Stefan Migge) und Roby (Silvia Weiskopf) entspringen ebenfalls einer
      entfernten Welt, irgendwas zwischen Altrocker und Space. Es dauert etwas bis
      Claire und ihre Leute die Forderung überbringen, dass ihr Ex-Liebhaber Alfred Ill
      (Sven Seeburg) sterben muss. Elektronische Klänge wummern wie ein Puls-
      schlag mal laut, mal leise, aber als musikalischer roter Faden. Auf dieser
      klanglichen Ebene müssen sich die Dörfler entscheiden, Reichtum oder Armut,
      Schuld oder Moral? Ihr Konsum lässt Böses ahnen. Alfred weiß schnell, was auf
      ihn zu kommt. Selbst der Arzt (Thomas Büchel) der Bürgermeister (Axel Holst),
      der Polizist (Philipp Noack), der Lehrer (Stefan Diekmann) und der Pfarrer (Rezo
      Tschchikwischwili) kippen recht früh ihre moralischen Werte, lassen anschrei-
      ben und kommen plötzlich schick daher. Sogar Alfeds Frau (Stephanie
      Schönfeld) und Tochter (Denise Matthey) scheint der irdische Reichtum lieber
      zu sein als die tugendhafte Armut. "Ich warte", lautet Claires Taktik. Sie kennt
      selbstsicher die Antwort. Ihr gehört schließlich die Welt und die Fäden ihres
      Experiments hat sie fest in der Hand. Sie kann sich Gerechtigkeit kaufen.

      Der innere Konflikt wird klasse dargestellt, optisch, mimisch und mit gemeinen
      Gedankenpausen, die den Besucher unweigerlich mitgrübeln lassen. Wie würde
      man sich selbst entscheiden? Man merkt Alfred an, dass er sich langsam in
      sein Schicksal fügt. Clever spielt er mit der Feigheit der anderen und flößt ihnen
      so ihre Schuld ein. Den angebotenen Suizid lehnt er ab. "Bete für Güllen",
      entgegnet er dem heuchlerischen Pfarrer, der für ihn beten möchte. Selbst der
      humanistische Lehrer verdreht gekonnt die Schuldfrage. Alfred hat Claire damals
      schließlich geschwängert und es geleugnet. Eine solche Schuld darf das Dorf
      nicht auf sich laden. Der Applaus der Mitbewohner ist ihm sicher. Man fühlt sich
      an heutige, völlig verdrehte AfD- oder Pegida-Äußerungen erinnert und der Mob
      stimmt lauthals ein.

      Neben der schweren moralischen Frage hat die Inszenierung immer eine
      schmunzelnde Note, wirkt dabei aber nie wie eine Komödie. Die Feigheit,
      das Heuchlerische, die Unentschlossenheit, das Unbeholfene oder die Gier sind
      sehr unterhaltsam dargestellt, ohne einen zu großen moralischen Zeigefinger.
      Schon die später glamourösen Kostüme des Polizisten oder die der anderen
      machen das deutlich. "Der Besuch der alten Dame" im Grillo ein sehr ver-
      gnüglicher Abend ohne Staub und überzogene Schwere.

      Datum: 29. September 2017, Premiere

      www.schauspiel-essen.de