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      Mit "Cosmopolis" zeigt die Ruhrtriennale ein Schauspiel, dass bereits fünf Jahre
      vor der großen Finanzkrise von Don DeLillo prophezeiend als Roman veröffent-
      licht wurde. Intendant Johan Simons inszenierte es in der Jahrhunderthalle
      Bochum.

      Es ist ein Stoff, der perfekt für eine aufregende, urbane und packende Insze-
      nierung ist. Der steinreiche Banker Eric Packer fährt mit seiner weißen Strech-
      limo durch eine Finanzmetropole. In seinem rollenden Büro spekuliert er mit
      Aktien und Währungen. Zwischendurch steigen sein Sicherheitschef, seine
      Finanzchefin, sein Währungsanalyst, seine Kunstexpertin oder seine Ehefrau
      bei, um Dinge zu besprechen. Seinen Arzt konsultiert er täglich, während er
      beim Friseur Erinnerungen an seine Kindheit erwachen lässt. Immer im Hinter-
      grund schwebt eine Morddrohung eines ehemaligen Mitarbeiters. Ebenso droht
      der finanzielle Absturz, denn er hat auf Kursverluste des japanischen Yen
      gewettet und dafür sehr viel Geld geliehen. Der Yen steigt allerdings unauf-
      hörlich. Als Spekulant hat er es zu einem 104 Mio. Dollar teuren Appartement
      mit 48 Zimmern, zwei Privataufzügen und einem Haifischbecken gebracht. Seit
      22 Tagen ist mit einer schwerreichen Frau verheiratet. Unterwegs begegnet er
      demonstrierenden Kapitalismuskritikern, einen sich selbst verbrennenden
      Demonstranten oder bettelarmen Menschen hockend auf dem Bürgersteig. Die
      globale Finanzkrise wird immer dramatischer.

      Bei Johan Simons ist die pulsierende Finanzmetropole ein Kinderspielplatz mit
      einem fliegenden Holländer, drei Schaukelpferden, einem Sandkasten und einer
      Sitzgelegenheit. Banker sind eben wie Kinder. Moral kennen sie kaum und sie
      suchen sich stets die persönlich größte Freiheit. Es ist eine konträre Situation,
      völlig entgegen der Erwartung. Hektisches Kaufen und Verkaufen an diversen
      Bildschirmen gibt es nicht, Maßanzüge und teure Uhren ebenso nicht. Man
      philosophiert ausgiebig über das globale Finanzsystem und seine Folgen. Eric
      Packer wirkt dabei kauzig und weltfremd. Die Globalisierungsdemo bezeichnet
      er als Kunstaktion, dessen Teil er wird. Er macht sich lustig darüber, dass
      Ratten als Währung eingeführt werden sollen. Warnungen, seine Yen-Spekula-
      tionen abzubrechen, schlägt er in den Wind, bis der Ruin ihn tatsächlich heim-
      sucht. Er lebt in einer Scheinwelt, in der Geld Spielgeld ist und Optimismus in
      eigene Aktionen zur Pflicht wird. Mit dem Verlust der Seele als seine persön-
      liche Schuld kommt es tatsächlich zum finanziellen Absturz. Die Gier nach
      immer neuen Höhenflügen war zu groß.

      Spielerisch zeigen Elsie de Brauw, Pierre Bokma, Bert Luppes und Mandela
      Wee Wee gute Leistungen. Besonders hervorzuheben ist die musikalische
      Begleitung. Mit BL!NDMAN stehen vier klasse Saxophonisten auf der Bühne,
      die in den ruhigen Momenten beinahe wie ein kirchliches Oratorium wirken. Das
      macht das Zuhören Spaß. Hinzu kommt Benjamin Dousselaere mit seinen
      Live-Electronics, die sehr fein abgestimmt sind.

      Eine aufregende Inszenierung sieht allerdings anders aus. Es ist ein Versuch,
      das klischeehafte auf der Bühne zu vermeiden, was allerdings in oft zähen und
      sehr philosophischen Dialogen über Moral, Wirtschaft und Gesellschaft endet.
      Das Stück wirkt dadurch ziemlich anstrengend, langsam und langatmig. Tempo
      gibt es lediglich in einigen Brüchen, die wie schrille Sirenen wirken. Bei allem
      Mut etwas Neues zu schaffen, überzeugend ist diese Inszenierung leider nicht.

      Datum: 28. September 2017

      www.ruhrtriennale.de