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      Mit der Oper "Dialogues des Carmélites" von Francis Poulenc präsentiert das
      Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen eine ganz feine Inszenierung. Regie
      führte vorzüglich Ben Baur. Szenisch und gesanglich ist das große Klasse. Die
      Premiere fand ganz bewusst am Holocaust-Gedanktag statt, genau ein Jahr
      nach der Premiere der Oper "Die Passagierin".

      Wieder einmal hat es Generalintendant Michael Schulz geschafft, eine ganz
      besondere Oper auf den Spielplan zu setzen, die völlig zeitlos aktuellen Bezug
      und Tiefgang hat. Die Wirren der Französischen Revolution bedrohen die
      Existenz eines Karmeliterordens. Blanche (Bele Kumberger) löst sich von ihrem
      Vater (Piotr Prochera) und ihrem Bruder (Ibrahim Yesilay). Sie sucht ihr neues
      Leben im Orden. Doch zuerst stirbt die Priorin (Noriko Ogawa-Yatake) und
      anschließend tobt die Revolution. Die Schwestern des Carmel sind dem Unter-
      gang geweiht. Ihre Leben sind bedroht. Es kommt, wie es kommen muss. Sie
      enden auf dem Schafott. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit
      vom 17. Juli 1794.

      Angst, Verzweiflung, Demut und Stolz prägen die Handlung. Dabei merkt man
      im Laufe der Geschichte die Gegensätze, zwischen denen sich alles bewegt.
      Der Regisseur und Michael Schulz besuchten als Vorbereitung einen realen
      Karmeliterorden und führten Gespräche mit den dort lebenden Schwestern. So
      zeigt sich die Inszenierung sehr wohltuend zurückhaltend. Das Bühnenbild,
      ebenfalls von Ben Baur, passt sich dem an. Es erinnert tatsächlich an Kloster.
      Alles ist dem 18. Jahrhundert entlehnt, auch die sehr passenden Kostüme
      (Uta Meenen). Melancholisch-dramatisch fließt die Handlung dahin. Die Ruhe im
      Orden wird konfrontiert mit den Fanfaren und Fackeln der Revolutionäre. Dabei
      zeigt die Bühne ihre sehr flexible Verwendung. Die Statisten sorgen für einen
      stets leisen und zügigen Umbau.

      Die Wirren des Lebens aus der Vergangenheit treten als riesige Schatten
      furchterregend in Erscheinung. Das Licht ist sehr gut gewählt. Wie man Haltung
      annimmt, das zeigen die Schwestern. Gemeinsam beschließen sie, das
      Schafott auf sich zukommen zu lassen, allerdings nicht ohne angstvolle
      Gedanken. Themen wie Tod und Gott werden diskutiert, starke Gefühle stets
      klasse ausgedrückt, während die bedrohlichen Fackeln immer näher kommen.
      Nach dem gemeinsamen "Ave Maria" bricht die Bühne auf und bekommt Tiefe.
      Besonders die gemeinsamen Gebetsszenen sind beeindruckend. Selbst das
      Schafott, was blutrot durch den Kerkermeister (Zhive Kremshovski) angekündigt
      wird, endet grandios inszeniert, mit Kerzen in der Hand und Gebetsgesang der
      Schwestern vor einem Vorhang. Lediglich die ein kurzes Geräusch und eine
      ausgeblasene Kerze deuten das Schreckliche an, bis alle Stimmen verstummt
      sind. Das sind echte Gänsehautmomente.

      Musikalisch begleitet die Neue Sinfonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus
      Baumann vorzüglich diese Oper. Die Partitur gehört zu den liebsten des
      musikalischen Leiters. Sie bewegt sich zwischen melancholischen Harmonien,
      heroischer Filmmusik, Schlachtengetöse und manchmal sehr ausgefallenen
      Tönen. Gesanglich passen sich die Sängerinnen und Sänger dem ansonsten
      sehr hohen Niveau an. Das fragende, verzweifelnde und zerrissene Moment wird
      exzellent ausgedrückt. Mit dabei sind auch Mitglieder des Jungen Ensembles
      am Haus, die überzeugen konnten und von Michael Schulz bei der Premieren-
      feier positiv hervorgehoben wurden. Der Star des Abends auf der Bühne ist wohl
      die sterbende Priorin (Noriko Ogawa-Yatake), die wahre Beifallsstürme erntete.

      Datum: 27. Januar 2018, Premiere

      www.musiktheater-im-revier.de