abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Erfischend anders präsentiert sich ein Opernklassiker im Aalto-Theater.
      "Die verkaufte Braut", die Komische Oper in drei Akten von Bed?ich Smetana,
      wurde vom Regieduo SKUTR sehenswert inszeniert. Am Ende gab es einen
      langen Premierenapplaus und zufrieden schmunzelnde Gesichter im Publikum.

      SKUTR, das sind Martin Kuku?ka und Luká Trpiovský aus der Tschechei bzw.
      der Slowakei. Weltweit wurden sie bereits für ihre Arbeiten hoch gelobt und
      ausgezeichnet. Ihre Regiearbeit in Essen ist eine Deutschlandpremiere, die
      sich für den Betrachter außergewöhnlich darstellt und sich sehen lassen kann.
      Besonders de Kostümabteilung und die Maske hatten jede Menge Arbeit, all die
      schönen Kostüme und Perücken herzustellen, die diese Oper tatsächlich zu
      einer Komischen Oper machen. Hinzu kommen die phantasievollen Requisiten
      im ungewöhnlichen und optisch etwas zurückgenommenen Bühnenbild, die
      ebenfalls sehr außergewöhnlich sind. Der Aufwand war in jeder Hinsicht sehr
      groß.

      Ort des Geschehens ist eine eher triste Turnhalle, wie man sie traditionell in
      nahezu jedem tschechischen Dorf findet. Sie ist stets ein Sport-, Kultur und
      Begegnungsraum für die Bevölkerung. Auch Hochzeiten feiert man hier. In der
      Tschechei wird sie als Sokol bezeichnet.

      Bis die Bauerntochter Marie (Jessica Muirhead) allerdings ihren Herzbuben in
      die Arme schließen darf, muss sie einige Tiefpunkte in ihrem Leben durch-
      stehen. Erst verkaufen sie ihre armen Eltern (Peter Paul und Bettina Ranch)
      an Kezal (Tijl Faveyts), den Heiratsvermittler, um sie Wenzel (Dmitry Ivanchey),
      dem Sohn reicher Bauern (Karel Martin Ludvik und Marie-Helen Joël), als Braut
      anzuvertrauen. Obendrein verkauft ihr so geliebter Hans (Richard Samek) sie
      zum Schein, um sie mit einer List, als er seine wahre Identität offenbart, zu
      heiraten. Die Geschichte hat bis heute aktuellen Bezug in vielen Gesellschaften.
      Ist Geld wichtiger als die Liebe? Gesellschaftlicher Aufstieg durch Zwangsheirat
      ist nicht selten. Dieser Stoff ist das Sinnbild für die Befreiung der Jugend aus
      dem elterlichen Patriarchat.

      Mehrere Ebenen werden in dem Stück sichtbar. Da gibt es noch die Zirkusleute,
      die der Dorfbevölkerung den Spiegel vorhalten. Sie bringen neue Kulturen und
      Bildung mit und sprechen andere Sprachen. In der Aufführung bringen sie
      ordentlich Leben in die Bevölkerung, dem sich Wenzel nicht entziehen kann. Er
      schlüpft unverhofft in ein tolles Bärenkostüm. Der Komödiant ist der Stand der
      Stände. Selbst Kezal wirkt oft wie ein Zauberer, der versucht die Fäden zu
      spinnen, während Marie sich häufig als Beobachterin auf der Bühne befindet und
      Hans sich seines listigen Plans sicher ist. Er hält die weiße Kugel der Macht in
      Händen, während er auf einem Pauschenpferd über die Bühne gleitet.

      Inhaltlich tiefgründig und ernst versprüht diese Oper in Essen optisch jede
      Menge humoristische Züge eines Possenspiels. Die Regisseure haben generell
      eine Vorliebe für das Puppenspiel. So agieren die Akteure entsprechend. Nicht
      selten stehen sie da wie Aufziehpuppen, völlig starr oder agieren tänzerisch
      wie künstliche Wesen. Mimisch und gestisch sind die Szenen sehr klar und
      deutlich. Folkloristische Züge werden sichtbar, nicht nur bei den tollen
      Kostümen. Über allem hängt das wunderschön pompös-humorvolle Brautkleid
      für Marie lange unerreichbar in der Luft, während sie verzweifelt und doch
      hoffnungsvoll gegen ihre Fremdbestimmung ankämpft. Man muss wirklich auf die
      Details achten. Hans steht nachher auf einem in Schieflage geratenem Haus, ein
      Symbol für die konservative Haltung der Gesellschaft. Ein weiß leuchtender
      Basketball wird zum Sinnbild für die Sonne und die Sterne der Liebe. Turnkeulen
      vom Bodenturnen entpuppen sich als leuchtende Kerzen. Nicht selten entdeckt
      man auch märchenhafte Dinge. Da muss man erst einmal drauf kommen. Es
      passt alles sehr stimmig zusammen.

      Ein großes Lob gilt allen Akteuren, also Solisten, Chormitgliedern, Statisten,
      den Leuten hinter den Kulissen und den Essener Philharmonikern unter der
      Leitung von Tomas Netopil. Die musikalische Interpretation ist sehr gelungen.

      Datum: 14. Oktober 2017 (Premiere)

      aalto-musiktheater.de