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      Das Bochumer Schauspielhaus feierte seinen hundertsten Geburtstag. Doch
      wie feiert man das? Es wurde ein sehr interessantes Jubiläumsprogramm
      mit besonderen Gästen, dem klasse Stück "O, Augenblick" und einem Tag
      der offenen Tür.

      Am 15. April 1919, also kurz nach dem Kriegsende, öffneten sich die Türen.
      Gründungsintendant war Saladin Schmitt, der 30 Jahre lang das Haus führte.
      Berufen wurde er vom Stadtrat Wilhelm Stumpf. Schmitt konnte dem
      100. Jubiläum ebenso wenig beiwohnen wie auch seine Nachfolger Hans
      Schalla (1949-1972), Peter Zadek (1972-1979), Claus Peymann (1979-1986)
      und Frank-Patrick Steckel (1986-1995). Gekommen waren aber andere ehe-
      malige Köpfe wie Leander Haußmann (1995-2000), Matthias Hartmann
      (2000-2005), Elmar Goerden (2005-2010), Anselm Weber (2010-2017), Olaf
      Kröck (2017-2018) und Johan Simons (seit 2018), ergänzt durch den
      Peymann-Dramaturgen Hermann Beil und die Tanztheater-Leiterin Reinhild
      Hoffmann (unter Frank-Patrick Steckel). Ihr Erfahrungsschatz umfasste
      zusammen 40 Jahre.

      Alles begann 1919 mit "Des Meeres und der Liebe Wellen". Es war mutig
      überhaupt ein Theater zu bauen. Man hatte kaum etwas zu essen. Beim
      "Faust" saß man 1920 zwei Tage und viele Stunden vor der Bühne. Die
      Nazi-Zeit war schwierig. NS-Größen wie Hess oder Goebbels waren in
      Bochum zu Gast. 1944 legten Bomben das Haus in Schutt und Asche. 1953
      stand der neue Theaterbau der Bevölkerung zur Verfügung. Architektonisch
      sollte es ein klarer Stil mit einem wichtigen Portal sein. Der Saal wurde
      demokratisch angelegt, ein Balkon statt eines Ranges.

      Unter Peymann wurde rund um die Uhr gearbeitet. Es wurde Hingabe statt
      Selbstausbeutung gelebt. Eigentlich ging Peymann nur nach Bochum, weil
      man ihn andernorts nicht haben wollte. Bochum gab ihm quasi künstler-
      isches Asyl. Es herrschte ein besonderer Geist hinter den Kulissen. Frank-
      Patrick Steckel führte ein gemeinsames Tanz- und Schauspielensemble ein.
      Reinhild Hoffmann wurde mit ihrer Kompanie von ihm aus Bremen geholt. So
      richtig warm wurde Steckel in Bochum nie, galt als der schlechteste
      Regisseur am Haus. Erfolge feierten andere Inszenierungen, nicht seine.
      Elmar Goerden stufte das Theater als Instrument in der Welt, statt als eine
      Welt in der Welt ein. Für ihn leistet das Theater Sozialarbeit in der Stadt.
      Olaf Kröck versuchte in der kurzen Amtszeit viel auszuprobieren. Der Vorplatz
      wurde mit Leben gefüllt. Er richtete sich eher selten mach der Theaterkritik
      und möchte das Publikum neugierig machen. Kröck führte den probenfreien
      Samstag ein. Er wollte kein Dominator mit einem Geniekult auf Kosten der
      Schauspieler sein.

      Besonders charismatisch präsentierte sich Matthias Hartmann. Er wollte
      unbedingt nach Bochum, rief dafür sogar den damaligen Kulturdezernenten
      an, weil er sich nicht bei ihm meldete. Zeitaktuelles Theater stand bei ihm
      neben Sex-Komödien von Woody Allen. Das Theater war für ihn ein
      politisches Koordinatensystem. Ähnlich stark trumpfte der damals jüngste
      Intendant auf, Leander Haussmann, oder kurz Leander. Er wollte nicht
      belehren, nicht langweilen und nicht frustrieren. Zu Beginn dachte er als
      Ostdeutscher im Westen alles sagen zu dürfen. Er täuschte sich. Vorge-
      schlagen wurde er von Jürgen Flimm. Es war in Bochum eine wilde Zeit unter
      dem Motto "Viel Spaß!". Anselm Weber wählte europäische und lokale
      Themen. Es war für ihn oft ein schwieriger Blick auf das Ruhrgebiet, auch
      wegen der Opel-Krise. Er wies darauf hin, dass man rechtsgerichteten
      Parteien wie der AfD die Stirn bieten muss. Rechtsradikale in Parlamenten
      wollen immer zuerst bei der Kultur die Subventionen angehen. Natürlich kam
      auch Hausherr Johan Simons zu Wort. Sein Ensemble ist das Abbild der
      Straße, mit vielen Nationalitäten gespickt. Er mag die freie Theaterarbeit
      und weniger vorgegebene Strukturen. Jeder kann Ideen einbringen, auch der
      Pförtner oder die Maskenbildnerin. Sein Credo ist es, gute Abende auf die
      Bühne zu bringen, die man nie vergisst. Auf dass es gelinge.

      Verschiedene Themen wurden in die Runde geworfen. Wie schwierig ist die
      Ensemblebildung heute geworden. Die Schauspieler haben heute mehr
      Beweglichkeit, schielen auch auf Rollen in TV-Produktionen. Soll das
      Theater als Bildungseinrichtung dienen und wie soll das aussehen? Olaf
      Kröck hob hervor, das das Kinder- und Jugendtheater qualitativ hoch anzu-
      siedeln ist. Da Bochum stets ein Uraufführungs- und Autorentheater war,
      bekommt man nun etwas Probleme. Die besten Autoren schreiben häufig für
      TV-Projekte oder Netflix.

      Es war eine tolle Runde mit sehr interessanten Persönlichkeiten. Es wurde
      deutlich, warum das Schauspiel Bochum so sehr über die Intendanten
      geprägt wurde. Die Interviewer hatten manchmal so ihre Probleme mit den
      sehr meinungsstarken Charakterköpfen.

      Datum: 13. April 2019

      Bericht zum zweiten Teil des des Abends
      www.schauspielhausbochum.de