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      Könnte man doch nur Momente in seinem Leben zurückdrehen. Das sehr
      gute Schauspiel "Biografie: Ein Spiel" von Max Frisch in der neuen Fassung
      von 1984 stellt im Grillo Theater exzellent von Thomas Ladwig inszeniert
      genau diese Frage.

      Wo würde man ansetzen? Welche Entscheidung war die schlechteste des
      Lebens? Hannes Kürmann (Jens Winterstein), Professor für Verhaltens-
      forschung, hat im Dialog mit Spielleitern (Silvia Weiskopf und Stefan Migge)
      die Möglichkeit bekommen, seinem Leben eine andere Richtung geben. Sie
      studieren seine Biografie und suchen nach Ansatzpunkten. Für Kürmann ist
      es völlig klar, dass die Hochzeit mit der wesentlich jüngeren Antoinette vor
      sieben Jahren rückgängig gemacht werden muss. Sie hätten sich nie intimer
      kennenlernen dürfen, als sie eines Nachts um zwei Uhr noch bei ihm saß
      und zärtlich ihre Hand anbot. Er nahm sie. Die Ehe endete tragisch. Wie
      hätte er als Mann in einer solchen Situation kühl reagieren sollen? Warum
      ist er während des Studiums nicht in Kanada geblieben? Mit Helen lief doch
      alles sehr gut. Auf die Liebreizungen einer jungen Frau zu reagieren erscheint
      im Spiel jedenfalls gar nicht so einfach. War es für ihn und sie überhaupt
      Liebe oder nur ein Abenteuer, das ausartete? Hier wirkt das Stück schon
      sehr humorvoll und extrem unterhaltsam.

      Es gibt allerdings auch die wirklich ernsten Momente im Leben. Einem
      Mitschüler nahm er ein Auge und eigene Krankheiten ließen sich nicht ver-
      meiden, oder doch? Die erste Ehe mit Katrin endete für sie bitter. Verdrängt!
      Der Blick zurück ist für Kürmann manchmal schwierig. Kann man den
      damaligen Alkoholkonsum einfach in der Vergangenheit reduzieren, um seine
      Leber zu schützen? Sind die Verhaltensmuster nicht doch irgendwo vorge-
      geben? Vielleicht können wir unsere Entscheidungen gar nicht frei treffen.
      Kürmann geht es ähnlich. Bis auf kleine Aspekte hat er im Spiel sein
      vergangenes Leben kaum geändert. Ohne Antoinette, nicht vorstellbar. Sie
      darf ihr früheres Leben übrigens am Ende auch neu gestalten ... und handelt
      konsequent.

      Das große Situationsspiel auf der Bühne ist absolut sehenswert und regt
      zum Nachdenken übers eigene Leben an. Was würde man selbst gerne
      rückgängig machen? Wo hätte der alternative Weg hingeführt? Sicher ist
      aber, dass jeder seine eigene Lebensgeschichte selbst zusammendichtet.
      Was wird gestrichen, was umgeschrieben und was wird das große Thema?
      Jede Biografie ist eine subjektive Geschichte aus Realität und Umdeutungen.

      Szenisch ist das Stück ein richtig guter Max Frisch. Eine einfache und tolle
      Bühne. Fiktion, Realität und Vergangenheit finden sich in einem Raum
      zusammen, um zu diskutieren, was gewesen wäre, wenn es so oder so
      gelaufen wäre. Hätte man die zweite Chance genutzt? Sehr dicht ziehen in
      90 Minuten Jahrzehnte eines Lebens vorbei, mal humorvoll und auch ernst.
      Schauspielerisch gibt es nichts zu meckern. Alle Akteure spielen klasse
      und schlüpfen in ihre Rollen, als wäre es ihr Leben oder ihr wahrer Job. Um
      wirklich alle Feinheiten in den Dialogen zu spüren müsste man das Stück
      eigentlich ein zweites Mal erleben.

      Datum: 17. Oktober 2018

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