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      Mit dem außergewöhnlichen Musical " Big Fish" präsentiert das Musik-
      theater im Revier (MiR) einen interessanten Stoff, der erst 2013 in Chicago
      Premiere feierte. Andreas Gergen ist für die sehr gelungene Inszenierung
      verantwortlich. Das Ergebnis ist ein fantasievolles Märchen eines Farmers
      aus Alabama mit ernstem Hintergrund.

      Edward Bloom ist Handelsvertreter, der selten zu Hause ist und seinem
      Sohn Will stets Heldengeschichten mit sich in Hauptrolle erzählt. Er muss
      übermenschliches geleistet haben, so klingt es zumindest. Edward sieht
      eine Nixe, die sonst keiner sieht, macht sich einen Riesen zum Freund,
      kennt die tollsten Angeltricks, rettet einem General im Krieg das Leben oder
      verkehrt im Wilden Westen. Sein Sohn wird jedoch bald stutzig und geht den
      Geschichten auf den Grund. Eigentlich ist sein Vater doch nur ein Farmers-
      sohn, der seine Träume nie leben konnte. Mehr und mehr versteht Will, dass
      es um die Frage geht, was das persönliche Vermächtnis eines jeden Einzel-
      nen nach dem Tod ist. Wie schafft man es, sich unsterblich zu machen?
      Wie wird man zu einem Individuum, das als Vorbild für nachfolgende Genera-
      tionen dient, das inspiriert. Sind es die großen Fantasiegeschichten oder
      vielleicht doch die kleinen bedeutsamen Dinge im Leben, die Edward auch
      zu bieten hat, nur nicht preisgeben möchte.

      Die Romanvorlage stammt von Daniel Wallace, das Buch von John August
      und die Musik und Liedtexte von Andrew Lippa. Die deutsche Version ist von
      Nico Rabenald. Alles zusammen ergibt ein Musical, das sehr unterhaltsam
      ist, allerdings parallel mit den dunklen Seiten des Lebens spielt. Die Ernsthaf-
      tigkeit nicht weniger Dialoge macht dies deutlich. Edward Bloom erfährt von
      einer Hexe, woran er sterben wird. Im ersten Teil mutiert er zu einem schwie-
      rigen Fall von Ehemann und Vater. Er ist unberechenbar in seiner Art, unan-
      genehm und doch liebenswürdig. Seine Geschichten stören seinen Sohn Will
      jedoch gewaltig. Es kommt zum Konflikt zwischen Vater und Sohn.

      Die Szenen bestechen durch eine sehr gute Rundum-Gestaltung durch das
      Bühnenbild, den Live-Sound der Band auf der Hinterbühne, das Licht und
      die richtig schönen Kostüme, die oft sehr schnell gewechselt werden
      müssen. Alles ist sehr amerikanisch getüncht. Das College, die Army, die
      Showgirls oder die wunderbare Zirkusszene mit dem tollen Rüdiger Frank als
      Zirkusdirektor Amos und einer geschmeidigen Artistin, die Herkunft des
      Musicals lässt sich nicht verheimlichen. Gegensätze prägen die niemals
      langatmigen Szenen. Die ländliche Idylle trifft auf die die Metropole, Fantasie
      auf Realität, Liebe und Streit liegen eng beieinander sowie auch Geburt und
      Tod. Zeitliche Sprünge stehen manchmal dicht auf der Bühne beieinander,
      ohne dass man in Verwirrung gerät. Die Zeitebenen werden vom Ensemble
      exzellent getrennt gespielt. Das gilt insbesondere für den jungen und alten
      Edward (Benjamin Oeser), seine Frau Josephine (Sina Jacka) und Will
      (Dennis Hupka). Letzterer wird in jungen Jahren sehr gut durch ein Kind
      verkörpert (Franz Aigner). Hervorzuheben sind ebenso die klasse Leistungen
      von Anke Sieloff als Hexe oder Oliver Aigner als Riese. Das Ensemble kann
      insgesamt voll überzeugen, wie auch die tollen grafischen Projektionen im
      Bühnenbild.

      Der zweite Teil macht nach der Pause sehr andächtig. Humor weicht der
      Ernsthaftigkeit. Aus Showgirls werden Krankenschwestern oder Trauernde.
      Edwards Tod kommt immer näher und Will möchte endlich wissen, wer sein
      Vater wirklich war. Will begreift, dass Edward ihm durch seine Art die
      Botschaft, die Welt zu entdecken oder wahre Liebe zu leben, mitgeben
      möchte. Die Lebensrealität seines Vaters ist dabei gar nicht so wichtig.

      Das Musical "Big Fish" macht Gelsenkirchen nicht übertrieben zum
      Broadway an der Emscher. Musicalfans erleben hier ein hochklassiges, sehr
      bildhaftes und schön inszeniertes Stück, das emotional mehrmals berührt.
      Nicht nur Edwards Tod ruft im Saal einige hörbare Schluchzer hervor. Ein
      schwerer Moment für alle im Saal. Der Funke springt deutlich über. Das
      Musiktheater im Revier ist aktuell der einzige deutsche Spielort für dieses
      Musical in Deutschland.

      Datum: 9. März 2019, Premiere

      musiktheater-im-revier.de