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      Das Schauspiel Essen wirft sehr gut inszeniert die Frage auf, wie viel
      Menschlichkeit sinnvoll ist. "Biedermann und die Brandstifter" ist ein tolles
      Stück, das den Umgang der Demokraten mit Rechtsradikalen hinterfragt.
      Regie führte Moritz Peters, der auch bei der gesehenen Vorstellung für den
      erkrankten Thomas Büchel schauspielerisch kurzfristig und gekonnt
      einsprang.

      Wie soll man mit seinen braunen Mitbürgern umgehen? Grenzt man sie
      beim ersten Verdacht gleich aus, damit sie evtl. noch aggressiver werden
      oder sollte man sie als Teil der Gemeinschaft tolerieren? Im Stück sind
      Biedermann (Stefan Migge) und seine Frau Babette (Sabine Osthoff) erfolg-
      reiche Unternehmer, die ihr Wohlergehen auch gerne mit in Not geratenen
      Mitmenschen teilen. Auch wenn immer öfter von Brandstiftungen diverser
      Rechtsgesinnter zu lesen ist, so lassen sie den Ringer Schmitz (Philipp
      Noack), der sich als Obdachloser ausgibt, auf ihrem Dachboden übernachten.
      Dieser beteuert sehr geschickt, niemals ein Brandstifter zu sein. Was soll
      der schon anrichten? So schnell wird Biedermanns Haus schon nicht
      brennen. Hinter der geschickten Rhetorik und scheinbaren Opferfassade
      steckt allerdings viel mehr. Nicht nur, dass sein Brandstifter-Kollege
      Eisenring (Jan Pröhl) plötzlich und ungefragt mit einzieht, auf dem Dachboden
      sammelt sich ein gefährliches Gemisch. Ganz schnell sind beide die heim-
      lichen Hausherren. Alles verläuft ganz subtil und doch klar erkennbar. Kaum       hat Biedermann sie im Haus, machen sie was sie wollen, möchten sogar
      noch Wein und Senf für die Würstchen. Sie wohnen sogar oben, auch räum-
      lich über den tatsächlichen Hausherren.

      Wenn man die geschickten Argumente von Schmitz und Eisenring betrachtet,
      so ist davon die Rede, dass Heimatliebe doch nicht strafbar ist, dass die
      Grenzen Deutschlands mit Waffengewalt zu verteidigen sind, dass Remi-
      gration besonders wichtig ist, dass Politiker demokratischer Partien sowieso
      nichts taugen und Medien eh nur Störenfriede für ihr angestrebtes, rechtes
      Chaos sind. Sie wollen nichts anderes, als die Demokratie in chaotische
      Zustände zu stürzen. Global betrachtet geistern Trump oder Johnson täglich
      als warnende Beispiele sirenenartig durch die Medienlandschaft. Deutschland
      sollte daher mahnend aus seiner Geschichte lernen.

      Doch wie hätte Biedermann handeln sollen? Er fragt das Publikum, wann es
      gemerkt hat, welch Kriminelle er sich ins Haus geholt hat? Als es bereits
      zu spät war, hat er seinen Toleranzbereich sogar auf die rechten Randfiguren
      ausgeweitet, um das Schlimmste für sich und sein Umfeld zu verhindern.
      Vergeblich! Lange aber blickte er der sich entwickelnden Realität ins Auge,
      ohne sie wahrnehmen zu wollen. Jede Gefahr wurde seinerseits geleugnet,
      obwohl seine Frau und der dreistimmige Chor Böses ahnten und auch laut
      äußerten. Sprachen die Brandstifter von Benzin, Holzwolle und einer Zünd-
      schnur, so hielt Biedermann das äußerlich noch immer für einen Scherz,
      wollte seine Fehleinschätzung nicht zugeben. Ihre braunen Sprüche aus den
      sogenannten sozialen Netzwerken, die filmisch und grafisch projiziert
      werden, sind wirklich Ekel erregend und abstoßend, ein harter Stoff für den
      bürgerlichen Theaterbesucher, inklusive brauner Soße über dem weißen
      Tischtuch der Biedermanns, das ebenfalls von den Flammen verschluckt wird.

      Bleibt nur noch die Frage, wo sich Biedermann und seine Frau am Ende
      befinden. Sieht so der Himmel aus oder ist es die Hölle? Haben sie sich
      etwas zu Schulden kommen lassen? Waren sie vielleicht zu gutgläubig? Ist
      ihr Flammentod Schicksal oder eigenes Verschulden? Kluge Gedanken-
      botenen Stücks. Es überzeugt auf ganzer Linie.

      Die Naivität des Biedermann ist in der Inszenierung deutlich überspitzt
      dargestellt. So verdeutlicht sie allerdings, dass man beim kleinsten Anschein
      misstrauisch werden sollte. Die Parabel ist selbstverständlich auch weiter
      zu fassen. Allein die oben genannten Forderungen sind als verbale Brand-
      stiftung einzustufen, denn ein Björn Höcke oder ein Gauland werden nicht
      mit den eigenen Händen Gewalttaten begehen. Die Drecksarbeit machen
      andere. Ein scharfer Umgang mit Rechtsradikalen, inkl. der AfD, ist in den
      Medien und der Gesellschaft sehr wichtig. Auch im persönlichen und
      beruflichen Umfeld sollte man die Augen aufhalten. "Die Stadt brennt noch
      nicht", heißt es im Stück, einzelne Häuser dagegen schon. Der Blick in die
      ostdeutsche Landschaft genügt.

      Datum: 2. Oktober 2019

      www.theater-essen.de