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      Turbulente Zeiten lassen sich auf der Theaterbühne ablesen. Mit "Der Prinz, der
      Bettelknabe und das Kapital", frei nach Mark Twain, stellt Regisseur Volker
      Lösch im Grillo Theater ein Stück auf die Bühne, das absolut klasse den poli-
      tischen und gesellschaftlichen Zeitgeist widerspiegelt. Es ist ein typisches
      Grillo-Stück, das einen packt, bedingt durch neue und sehr kreativ-szenische
      sowie satirische Momente. Sehr gut!

      Eines vorweg, die Hauptdarsteller sind die Jugendlichen aus dem Norden und
      Süden der Stadt, also Laien-Schauspieler. Zusammen mit den Profis vom Grillo
      und zwei Gastschauspielern können sie schauspielerisch voll überzeugen und
      dabei ihre jugendliche Power mal richtig zeigen. Es geht schließlich um ihre
      Zukunft, die soziale Gerechtigkeit am Beispiel der Stadt Essen. Diese wird
      durch die A40 in einen wohlhabenden südlichen und etwas problematischen
      nördlichen Teil getrennt. Ist es wirklich so, dass jeder die gleichen Chancen im
      Leben hat? Wird der gesellschaftliche Stand vielleicht doch durch die Familie
      vererbt? Was hat das für Folgen für die Menschen in den jeweiligen Stadtteilen?

      Bertolt Beitz wohnte im Essener Süden, die Albrechts, die Deichmanns oder die
      Stauders heute noch. Sie gehören zu den reichsten Familien in Deutschland.
      Sie und die anderen Reichen bunkern so viel Geld, das sie es im Leben nicht
      ausgeben und schon gar nicht mit ins Jenseits nehmen können. Manager
      verdienen gerne mal das 107-fache eines durchschnittlichen Angestellten. Ist
      das gerecht? Warum soll man also so reich sein? Wachstum lautet das
      magische Zauberwort dieser Kaste. Man hat drei Autos, eine Villa mit hoher
      Mauer drum herum, mindestens vier teure Urlaube im Jahr und einen süßen
      Labradoodle, ein australisches Modehündchen. Auf oberflächliches Status-
      gehabe legt man schön abgeschirmt großen Wert. Das trifft auch ihre Kinder.
      Sie gehen auf private Eliteschulen, dürfen nicht aus der Reihe tanzen und durch
      öffentlich werdende Skandale die Familie nicht beschmutzen. Teure After-
      School-Activities wie Yoga, Golf, Chinesisch, Musik oder sportliche Meriten
      stehen bei den Eltern hoch im Kurs. Alle sollen schön und klug sein, klassische
      Musik und die schönen Künste lieben, Karriere machen und das Geld für sich
      arbeiten lassen. Immer mehr Euronoten vor den Augen, andere Ziele kennen sie
      nicht unter ihrer Käseglocke.

      Der Norden hat es dagegen schwer. Sie arbeiten für die Reichen, oft für Hunger-
      löhne plus staatlicher Aufstockung. Ihre Schulen sind Problemzonen, weil junge
      Menschen erkennen, dass sie ihre Träume nicht erreichen können. Kriminalität
      ist die Folge. Von Ämtern werden sie ruppig behandelt. Hier lebt die harte
      Realität auch in Form einer anderen Sprache. Im Stück ist es die Discounter-
      Kette DIAL, die als Pranger für alle ähnlichen Supermärkte oder andere aus-
      beuterische Arbeitgeber dargestellt wird. Einer an der Kasse, einer im Lager, für
      mehr Personal ist kein Geld da. Nebenbei müssen auch noch die Waren ins
      Regal. Wie soll das gehen? Man muss sich nur mal real umschauen. Oft lächeln
      uns leere Regale an und Pinkelpausen für Kassiererinnen sind kaum möglich.
      Wer das Pensum nicht schafft, der wird im Kreuzverhör mit einem Auflösungs-
      vertrag erpresst. Es sind skrupellose Discounter-Manager, für die nur Zahlen
      zählen. Wachstum, "bis ihnen die Welt gehört"! Der kleine Angestellte wird zur
      austauschbaren Personalnummer. Das Stück ist sehr nahe an der Realität.
      "Wir waren mal ein Sozialstaat."

      Richtig spannend ist die Inszenierung in ihrer Gesamtheit. Eine graue Wand
      trennt den Saal in zwei Teile. Der Südteil im Theater ist schön mit Stühlen
      besetzt und hat eine golden umrahmte Bühne. Die Kids haben schöne
      Klamotten und spielen Videogames. Man möchte im Luxus leben, es aber nicht
      unbedingt zeigen. Das macht unsympathisch, also lieber keine Yacht oder
      Eskapaden. Das Unternehmen soll sich als ein attraktiver Arbeitgeber dar-
      stellen. Der Norden ist ein schmuckloser Bereich mit kalten Neonröhren, wo
      man auf den harten Saalstufen sitzen oder alternativ steht. Bildschirme über-
      tragen die Bilder aus dem Süd-Bereich und umgekehrt. In beiden Bereichen
      agieren die Akteure mitten unter den Gästen. Man sitzt quasi im Stück. Nach
      der Pause wechselt man die Seiten, eine geniale Idee.

      Das Stück nimmt seinen Lauf. Als jedoch der DIAL-Patriarch (Jan Pröhl) stirbt,
      hinterlässt er ein Vermögen von zig Milliarden Euro, menschlich unvorstellbar.
      Die reichen Süd-Kids sind die Alleinerben und stehen vor vielen Fragezeichen.
      Was soll man mit so viel Kohle anstellen? Lieber mal einen neugierigen Blick auf
      den Norden werfen, die Klamotten tauschen und ein anderes Leben leben. Das
      soziale Experiment startet. Einmal sagen, was man möchte, Autospiegel ab-
      treten, sich besaufen, high sein, Spaß haben und keine Disziplin üben müssen.
      Die kennen sie streng von Kindesbeinen an. Die Familie wollte sie als neue
      Unternehmergeneration programmieren, inmitten sozialer Kälte. Die Einge-
      wöhnung im Norden ist allerdings nicht einfach. Das gilt auch für Nord-Kids im
      Süden. Wohin mit den geerbten Milliarden? Schulen und Schwimmbäder
      sanieren, Straßen ausbessern, die städtischen Schulden tilgen und soziale
      Projekte fördern. Gutes tun! Hier beginnt die Inszenierung sich von der Realität
      abzuwenden und die vermeintlich ideale Gesellschaftsform zu leben. Bei DIAL
      spürt man plötzlich soziale Arbeitsbedingungen und Wertschätzung für die
      Mitarbeiter. Da gerät der Marktleiter (Jan Pröhl) in Not. Die Unternehmens-
      strukturen ändern sich radikal.

      Als Finale treffen sich Akteure und Zuschauer gemeinsam in einem besonderen
      Bereich des Theaters, ausgelegt mit weichem, rotem Teppich. Hier werden die
      Zukunftsideen für eine bessere Gesellschaft vorgetragen. Technologiesteuern
      auf Jobs vernichtende Roboter, ein Mindestlohn von 15,- EUR, höhere Renten,
      die Abschaffung der Mehrwertsteuer, einkommenssteuerpflichtige Erbschaften
      ab 100.000 Euro oder die Anpassung der Grundsteuer für teure Wohngebiete
      sind da nur einige der Ideen. Hier liegen die Themen der SPD quasi auf der
      Bühne. Sie muss sie nur noch auflesen und versuchen unters Volk zu bringen.

      Das Stück stellt viele Fragen. Wie definiert man Reichtum oder Leistung?
      Macht viel Geld glücklich? Bei allem Ernst muss man auch mal schmunzeln,
      so wunderbar überspitzt-realistisch sich die Dialoge. "Wir sind nicht an Ende
      der Debatte, sondern am Anfang. Keine Ausreden mehr."

      Das Fazit unterstreicht die interessante Fotoausstellung "Kleider machen Leute"
      im Haus, die Obdachlose portraitiert.

      Datum: 21. Februar 2018

      www.theater-essen.de