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Theaterstück 'Die Befristeten' als Live-Online-Stream im Schauspielhaus Bochum
Mit dem Theaterstück „Die Befristeten“ von Elias Canetti setzte das Schauspielhaus Bochum seine Reihe der Live-Online-Streams fort. Regie führte Intendant Johan Simons persönlich. Anschließend gab es wieder ein sehr gedankenreiches Wortspiel als Nachgespräch. Ein klasse Abend!

Zunächst einmal einen großen Applaus für das bewundernswerte Engagement des Schauspielhaus Bochum und die stets sehr intensiven und intelligenten Nachgespräche im Rahmen der Online-Streams. Im Gegensatz zu gewissen politischen Entscheidern lässt das Haus die Theater- und Kulturfreunde nicht hängen und setzt die Reihe sogar fort!

Zum Stück. Es ist ein gesellschaftliches Gedankenexperiment. Zunächst tanzt die Bühnentechnik minutenlang so eindrucksvoll und ins passende Licht getaucht, als würde Hollywood einen Science-Fiction-Film präsentieren. Dann vermenschlicht sich das Geschehen, die Akteure treten in Erscheinung. Was wäre, wenn wir alle von Geburt an wüssten wann wir sterben? Wir heißen 10, 12, 28, 42, 88 oder 96, je nach unseren vorbestimmten Lebensjahren und tragen eine Kapsel, die uns die Lebensjahre ausweist. Als oberste Institution fungiert eine Person namens Kapselan (Jing Xiang), eine Instanz ähnlich einer religiösen Zeremonienmeisterin mit magischen Fähigkeiten und ein wenig Voodoo. Sie überprüft stets den Inhalt der Kapsel nach Todeseintritt. Versucht man sein Leben zu verlängern oder die Gesellschaftsordnung anzuzweifeln, dann gilt man als Lästerer oder sogenannter Mörder. Alle tragen rote Kleidung, einer Sekte ähnlich. Wie soll man mit seinem Leben umgehen, wenn man den Zeitpunkt seines Ablebens kennt und nur die anderen ihn nicht erfahren dürfen? Das aktuelle Lebensalter bleibt für Außenstehende geheim. Lebt man schneller, langsamer oder bewusster? Da vorzeitiges Sterben ausgeschlossen ist, kann man sich seine Projekte einteilen. Die Kriminalität geht gegen Null und die Welt wird sicherer. Jeder kennt seinen sogenannten „Augenblick“, den Tod. Lebt man so glücklicher?

Mit dem Fortgang des Stücks beginnen die Zweifel. Einzelne Bürger fangen an die Gegebenheiten zu befragen. Kann die Kapselan wirklich nicht irren? Warum muss „10“ (Anne Rietmeijer) so früh sterben? Um die kleine Schwester „12“ wird noch lange getrauert, während das Ableben von „7“ zwar von der Mutter bedauert, aber akzeptiert wird. Man wird erneut schwanger. Die Kinderszenen sind besonders berührend. „12“ (Mercy Dorcas Otieno) ist als unsichtbare Figur sichtbar auf der Bühne, ganz in Schwarz. „50“ (Stefan Hunstein) jedoch stellt die Kapselan auf die Probe. Sein Ableben ist nahe, doch akzeptieren möchte er es nicht. Seine Beweisführung, indem er mehrere Kapseln öffnet und feststellt, dass diese alle leer sind, hat Erfolg. Seine Mitmenschen wittern eine Täuschung und träumen nun von einem Leben ohne Tod, dem ewigen Dasein. Während „28“ frohlockt, fühlt sich „88“ als potentieller Verlierer. Zumindest haben sie den Tod so sehr verdrängt, wie viele von uns es auch tun. Die rote Sektenkleidung wechselt in ein ziviles Outfit. Sie fühlen sich „frei“. Doch ist die gefühlte Freiheit nicht auch eine ständige Gefahr für das eigene Leben? Was macht das Leben lebenswert? Was ist mit der Angst vor dem Tod? Die großen Fragen unseres hiesigen Daseins werden spannend in ein schön reduziertes Theaterformat gepackt.

Schauspielerisch war das große Klasse, wie man es von diesem wunderbaren Ensemble auch erwartet. Auf der Bühne standen Dominik Dos-Reis, Gina Haller, Stefan Hunstein, Marius Huth, Risto Kübar, Mercy Dorcas Otieno, Anne Rietmeijer, Jing Xiang und Elsie de Brauw.

Nach dem sehr bemerkenswerten Stück durfte man dem Nachgespräch mit Johan Simons, einigen SchauspielerInnen und der Dramaturgie lauschen. Es ist stets eine Wonne diesen tiefen Gedanken beizuwohnen. Dabei stellt sich Intendant Johan Simons auf eine Stufe mit seinem Team, sehr sympathisch. Der Tod war dabei natürlich ein Thema. Mercy Dorcas Otieno, aus Ghana stammend, bemerkte z.B., dass in ihrem Heimatland der Tod ganz normal zum Leben gehört und akzeptiert wird. Die Toten bleiben gedanklich bei den Angehörigen. Sie konnte auf die Darstellung ihrer ungewöhnlichen Rolle mit einwirken. Für Stefan Hunstein war es schon 2020 ungewohnt vor 50 Zuschauern spielen zu müssen. Vor nun gar keinen Zuschauern live auf der Bühne zu stehen war für ihn schwierig. Während man berührungslos proben und spielen muss stellt man auch deutlich fest, wie wichtig doch Berührung im zwischenmenschlichen Leben ist. Man sieht die Corona-Zeit und die die damit einher gehende Entschleunigung aber auch als Chance für die Gesellschaft, etwas Besseres zu kreieren. Mal sehen, ob die Gesellschaft zu einem positiven Wandel fähig sein wird. Elias Canetti ist als Autor des 1953 verfassten Stücks diesbezüglich sehr pessimistisch.

Datum: 9. Januar 2021, Live-Online-Stream aus dem Schauspielhaus Bochum

Weitere Live-Online-Streams im Januar:
14. Januar – 19 Uhr - Lesung des Stücks „Ödipus, Herrscher“ nach Sophokles (erster Probeneindruck des neuen Stücks)
24. Januar – 19 Uhr - Neuarrangements von Johan Simons‘ gefeierter „Penthesilea“-Inszenierung mit Sandra Hüller und Jens Harzer

www.schauspielhausbochum.de