abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Mit dem Ballett "Rock around Barock" geht das Aalto Theater in Essen ganz
      ungewohnte Wege. Es sollte ein besonderer Ballettabend werden. Die musi-
      kalisch und szenisch wilde Choreografie be- oder entgeistert die Besucher, je
      nach Perspektive und Anspruch.

      Den höfischen Barock und den rebellierenden Rock zusammenzuführen ist
      schon eine große Aufgabe. Ergänzend wollte Ballettintendant Ben Van
      Cauwenbergh als verantwortlicher Choreograf auch noch die Musikgeschichte
      einfließen lassen und "E" und "U" verschmelzen. Wie stellt man so etwas
      an? Es sind zwei völlig verschiedene Darstellungen, vor und nach der Pause,
      die insgesamt mit einigen choreografischen Defiziten zu kämpfen haben.

      Alles beginnt mit barocken Überspitzungen, die Humor vermitteln sollen,
      Perücken und Puder inklusive. Die barocke Zeit wird durchgehend sehr
      klischeehaft ins Lächerliche gezogen. Eine barocke Rolle zieht sich beson-
      ders clownesque durch das Stück. Es hängt vom Humorverständnis eines
      jeden ab, diese lustig zu finden. Da sich Titel an Titel reiht, sind die Über-
      gänge besonders wichtig. Der erste Teil kann diesbezüglich nicht überzeugen.
      Man versucht den Akteuren der Ballettkompanie sogar das Sprechen beizu-
      bringen. Verbal verständlich ist es nicht. Sie sind internationaler Herkunft und
      für das Tanzen engagiert. Das wiederum kommt viel zu kurz. Da können die
      Jungs der Rockband Mallet musikalisch live noch so gut sein, die erste
      Hälfte wirkt eher wie ein wenig gelungenes Musical ohne Handlung in einer
      Kulisse, die eine Mischung aus Ballettprobensaal und Hinterhofmusikklub
      suggeriert. Rock und Barock verschmelzen hier nicht. Selbst niederländische
      Folklore wird ziemlich dürftig dargeboten. Lediglich ein Beatles-Medley, also
      bekannte Beat-Klänge, kann szenisch überzeugen, die Fab Four als getanz-
      tes Musical für vier Minuten. Ansonsten rollt eine Kuh zu Tiroler Klängen
      über die Bühne und andere pseudohumoristische Nummern sollen erheitern.
      Eine grellbunte Musikrevue schickt mit dem eisernen Vorhang die Besucher
      in die Pause.

      Der zweite Teil weckt mit barockem Humor kurzfristig Erinnerungen von vor
      der Pause wach, ehe der Bandleader von Mallet vor das Publikum tritt. Jetzt
      packt man den Schlager aus. Eine markante Stelle aus "Bonanza" sollen die
      Besucher im Kanon intonieren, der barocke Gaukler als Cowboy auf einem
      Holzpferd inklusive. Mit Rock, Barock oder evtl. Ballett hat das absolut nichts
      zu tun. Einfach unpassend und szenisch peinlich. Im direkten Anschluss
      jedoch wird endlich und überraschend der erwartete Wein eingeschenkt. Die
      Kompanie kann sehr gelungen mal zeigen, was sie tänzerisch wirklich drauf
      hat. Plötzlich sieht man stimmige Videoanimationen und eine passende
      Songauswahl. Die Akteure überzeugen mit sehr kreativen und gelungenen
      Choreografien zu Songs von Pink Floyd, Ennio Morricone, Astor Oiazzolla,
      Nogo Svelo, Bobby McFerrin sowie zu Flamenco-Klängen. Jetzt macht der
      Abend Spaß. Die Choreografien zu "Sailing" von Rod Steward und "Whiter
      shade of pale" von Procol Harum sind klasse. Plötzlich dreht sich die Auf-
      führung komplett ins Positive. Als man jedoch endlich den Schlussapplaus
      spenden möchte, heißt es Stop. Man kippt überraschend wieder völlig
      unnötig Wasser in den Wein. "Tanze mit mir in den Morgen", ein Schlager
      Gerhard Wendlands aus dem Jahre 1962, soll die Besucher glückselig auf
      dem Heimweg begleiten. Die komplette Kompanie, samt der Band, mutiert
      unfreiwillig erneut zu einem Musical-Cast.

      Der inhaltlich-künstlerische Ansatz war sicher sehr ambitioniert. Die Idee mit
      der sehr guten Rockband Mallet zu arbeiten war auch gar keine schlechte.
      Vielleicht köchelte man zu sehr im eigenen Saft und wollte einfach zu viel an
      Ballettrevolution. Das Ergebnis ist insgesamt sehr zwiespältig. Der eigene
      künstlerische Anspruch des Aalto-Theaters ist dabei weitgehend auf der
      Strecke geblieben. Trotz großer Diskrepanzen in der Choreografie fand die
      Aufführung bei der Premiere überwiegend begeisterte Zuschauer. Vielleicht
      waren sie auch einfach nur lauter als die durchaus enttäuschten Gäste. Die
      Folgevorstellungen werden das wahre Meinungsbild offenlegen.

      Datum: 27. April 2019

      www.theater-essen.de