abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Es ist Badetag im Theater Oberhausen. Mit "Ein Volksfeind" von Henrik Ibsen
      hat der Intendant Florian Fiedler persönlich ein Stück inszeniert, das gut und
      gelungen ist. Mit dem neuen Jahr kann nun auch der große Saal künstlerisch
      voll überzeugen.

      Die Inszenierung ist eine Wiederaufnahme von Florian Fiedler aus dem Jahr
      2007. Zu sehen war es in Frankfurt. Hier hat er einige Dinge seiner damaligen
      Version überarbeitet. So sind nun wesentlich mehr Frauen auf der Bühne und ein
      paar Szenen wurden gekürzt. Herausgekommen ist ein flottes Stück mit viel
      Live-Musik und einer Bühne, die über einen Holzsteg komplett durchs Publikum
      läuft. So kommt Dynamik in die Geschichte. Die zahlenden Gäste werden zu
      Kurgästen in einem Heilbad, das gesundheitstechnisch nicht das hält, was es
      verspricht.

      Wie viel Wahrheit verträgt eine Demokratie? Darf man als freier Bürger jede
      Wahrheit aussprechen? Wie definiert man eigentlich die Wahrheit? Der Badearzt
      Dr. Stockmann (Clemens Dönicke) und sein Bruder, der Bürgermeister Peter
      Stockmann (Jürgen Sarkiss), sind da verschiedener Meinung. Wahrheit trifft
      auf Macht. Die Wasserquelle des Kurbads wurde offenbar durch die Abwässer
      einer Gerberei vergiftet. Ist da das Wohl der Touristen wichtiger oder doch der
      steigende Wohlstand im Ort? Während der Badearzt mit vollem Engagement
      radikal dafür kämpft eine neue Leitung zu legen, beschwichtigt der Bürger-
      meister mit seiner eigenen Wahrheit, Raffinesse und einem Sektempfang, um
      nur keine Negativschlagzeilen aufkommen zu lassen. Die einzige Geldquelle für
      den Ort muss weiter sprudeln, der Wohlstand wachsen. Nicht nur diese beiden
      Rollen sind sehr treffend besetzt und toll gespielt.

      Neben guten Dialogen wird viel und gut gesungen. Die Band, bestehend aus
      Peter Engelhard und dem musikalischen Leiter Martin Engelbach, überzeugt
      wieder voll und ganz. Es wird sogar richtig laut und rockig, mit gutem
      Blues-Einschlag. Man fühlt sich an "So viel Zeit" erinnert. Jürgen Sarkiss, Lise
      Wolle und Emilia Reichenbach sind in ihrem Element und rocken die Bühne. Im
      Ensemble gibt es eh viele Gesangstalente. Banafshe Hourmazdi als Hovstad
      bekam mit "Creep" von Radiohead sogar Sonderapplaus. Bei "Let me entertain
      you" darf man ruhig mitsingen und in den Chor der Machtgetreuen und Wohl-
      standsliebhaber einstimmen. Dem Ensemble hört man singend immer gerne zu.

      Nach der Rock-Einlage mit passend ausgewählten Songs wird es wieder ruhiger.
      Wie soll ein ausgerufener Feind der Gesellschaft reagieren? Auswandern?
      "In die USA kommt man nicht rein und aus der Türkei nicht mehr heraus." In
      Ungarn, Polen und beim "Baby-Hitler" in Österreich werden Wahrheit und
      Freiheit ebenfalls nicht geschätzt. Selbst in Bayern hätte er es nicht leicht.
      Clemens Dönicke nimmt mit seiner unnachahmlich sympathischen Art aktuelle
      politische Strömungen fein in seinen nachdenklichen Monologen auf. Freie
      Meinungsäußerungen bezüglich Unzulänglichkeiten sind in vielen Ländern der
      Erde ein Problem. Mit Erpressungen und Drohungen wird gerne gespielt. Leben-
      dige Wetterfahnen sind die Folge. Der stärkste Mensch ist am Ende aber der,
      der sich nicht brechen lässt und alleine da steht.

      Die Kostüme sind gut gewählt und das Bühnenbild spielt mit der Fantasie. Alles
      Nötige ist da. Der Rest ist Kopfkino. Man verzichtet bewusst auf zu klischee-
      hafte Requisiten eines Kurbades. Der enge Kontakt zum Publikum und die
      Dialoge stehen im Mittelpunkt. Ein großes Lob gilt der Technik und dem Licht.
      In über zwei Stunden ohne Pause werden über hundert Lichtstimmungen auf die
      Bühne gezaubert.

      "Ein Volksfeind" in Oberhausen ist nicht nur ein gutes und sehenswertes Stück
      mit guter Besetzung und spannender Inszenierung, sondern war bei der
      Premiere auch die Diplom-Prüfung der nun ehemaligen Schauspielschülerin
      Emilia Reichenbach (Billing). Man darf wohl gratulieren!

      Datum: 12. Januar 2018, Premiere

      www.theater-oberhausen.de